„Ein Typ, ein Mensch“ – zum 75. Todestag von Willi Ostermann

Bild der 31. Woche - 1. bis 7. August 2011

„Ostermänner“, Notenheft, Potpourri über Willi Ostermann-Schlager, Köln: Ostermann-Verlag 1928, 12 S., Titelblatt: Farblithographie nach Adolf Volkhofen jr., Druck: Fritz Elsner, Köln, Kölnisches Stadtmuseum – Graphische Sammlung

1928 publizierte Willi Ostermann in seinem eigenen Verlag dieses Notenheft mit einem Potpourri seiner bekanntesten Schlager, auf dessen Rückseite er aus der Berliner Tageszeitung „Germania“ zitieren lässt: „Es ist in Köln etwas Eigenes um diesen Willi Ostermann … er ist ohne Zweifel eine Kölner ;Erscheinung’, ein Typ, ein Mensch.“ Was für ein Mensch war jener Willi Ostermann, der vor 75 Jahren am 6. August 1936 starb und bis heute in Köln unvergessen ist? Wilhelm, gt. Willi, Ostermann wurde am 1. Oktober 1876 als Sohn von Gertrud und Peter Ostermann, einem Weichensteller, in Mülheim am Rhein geboren. 1879 zog die Familie nach Deutz. Bis Ostern 1891 besuchte er die katholische Volksschule auf der Deutzer Freiheit, dann machte er nach einem kurzen, erfolglosen Intermezzo als Elektrikerlehrling zunächst eine Lehre als Stereotypeur und Galvanoplastiker bei Diez und Baum in Deutz, bevor er ab 1899 als freiberuflicher Musiker arbeitete. Anfänglich dichtete Willi Ostermann neue Lieder zu bekannten Melodien, bis 1907 sein erstes, eigens für den Karneval geschriebenes Lied – „Dem Schmitz sing Frau es durchjebrannt“ – uraufgeführt wurde. Nun folgten Jahr für Jahr neue Karnevalsschlager, von denen einige zu Evergreens wurden. Gerade bei den Erfolgsliedern zeigte sich, dass Ostermann zeitgenössische Themen pointiert, aber humorvoll aufgreifen konnte. Während des Ersten Weltkriegs versuchte sich Ostermann auch in Kriegsliedern, darunter 1914 das „Kölsche Zaldatelied“ und 1915 „Dä Kölsche Boor en Ieser“. Mit der britischen Besatzung kamen auf den Karnevalssänger Ostermann schwere Zeiten zu, durch das Verbot aller Karnevalsveranstaltungen und Einschränkungen anderer Veranstaltungen fehlten wichtige Einnahmequellen. Nach Abzug der Besatzungsmächte aus dem Rheinland ab 1926 gelangen ihm dann – auch finanziell – große Erfolge mit seinen hochdeutsch gesungenen, wohl mehr opportunistisch denn politisch gemeinten, Rheinliedern, die durch die neuen Medien Rundfunk und Schallplatte verbreitet wurden. Auch im Ausland war er mit seinen Rheinliedern populär, in den Niederlanden stand er gar an der Spitze aller Schlagerkomponisten. Sein wohl bekanntestes Lied »Och, wat wor dat fröher schön doch en Colonia« schrieb er für eine 1930 uraufgeführte Karnevalsrevue. Die Uraufführung von „Heimweh nach Köln“ erlebte er nicht mehr. 1903 hatte er Katharina Striebeck geheiratet, nach der Scheidung 1911 heiratete er in zweiter Ehe die Revuetänzerin Käthe Palm (Köln 1885–1959 ebd.), eine Urenkelin des Kölner Originals ‚Urjels-Palm’. Zu ihrer Silberhochzeit am 13. Januar 1936 strömten Zehntausende vor ihrem Haus auf dem Neumarkt zusammen, um dem populären Paar zu gratulieren. Sieben Monate später starb er mit noch nicht einmal sechzig Jahren. Am Tag seiner Beerdigung, am 10. August, defilierten Tausende an seinem aufgebahrten Sarg im Hause Ostermann am Neumarkt vorbei, bevor sich der Trauerzug unter großer Anteilnahme der Bevölkerung nach Melaten in Bewegung setzte.

R. Wagner