Erfolgreich gegen die Wirtschaftskrise:
Mittelalterlicher Protektionismus

Bild der 18. Woche - 4. bis 10. Mai 2009

Detail aus: Prospekt der Stadt Köln, 1531 Holzschnitt von Anton Woensam, 65 x 47 cm (Einzelblatt, Gesamtlänge ca. 420 cm) Reprint: Lithographische Anstalt von T, Fuhrmann, Köln, ca. 1890/1900 Köln, Kölnisches Stadtmuseum – Graphische Sammlung
Prospekt der Stadt Köln, 1531 Holzschnitt von Anton Woensam, 65 x ca. 420 cm Köln, Kölnisches Stadtmuseum – Graphische Sammlung

Am 7. Mai 1259 – also vor 750 Jahren – verbriefte der Kölner Erzbischof und Stadtherr Konrad von Hochstaden (1238–1261) seiner Stadt das Stapelrecht (Urkunde Dom U2/268,1+2 im Historischen Archiv der Stadt Köln). Damit versuchte er – vergebens –, die aufstrebende Kaufmanns- und Handwerkerschaft gegen die herrschenden sechzehn Familien, die „Geschlechter“, auf seine Seite zu ziehen, um die mit 20.000 Einwohnern größte Stadt nördlich der Alpen wieder ganz unter seine Kontrolle zu bringen. Das Kölner Stapelprivileg besagte, dass kein Kaufmann aus dem Osten mit seinen Waren über Köln ziehen, kein Kaufmann aus dem Westen über Rodenkirchen hinaus und keiner vom Oberrhein weiter als Riehl ziehen durfte. Jeder fremde Kaufmann musste also in Köln Halt machen und seine Waren den Kölner Großhändlern anbieten, denn Gästeverkauf und Detailhandel waren streng verboten. Dies verschaffte den Kölner Händlern enorme Vorteile, sie konnten sich die besten Waren heraussuchen, um sie anschließend weiterzuverhandeln. Auswärtige Unternehmen beschäftigten Kölner Zwischenhändler, um ebenfalls zu profitieren. Zudem musste auf die Waren Steuer, Akzise, gezahlt werden, die den städtischen Haushalt finanzierte. Allerdings wurde mit der schriftlichen Fixierung des Stapelrechts einer ohnehin gängigen Praxis Rechnung getragen – vor Köln wird aus dem felsigen, engen Mittel- der breite, tiefe Niederrhein, was früher auch einen Wechsel der eingesetzten Schiffstypen nötig machte. Die kleinen, flachbödigen Oberländerschiffe, die flussabwärts die Fließgeschwindigkeit des Rheins nutzten und aufwärts getreidelt wurden, bzw. ab etwa 1750 die kleineren Schelche wurden durch größere Segelschiffe, deren verbreitetstes die Kölner Aak war, getauscht. Hierzu mussten die Waren natürlich umgeladen werden. Und da der meiste Warenverkehr über den Rhein erfolgte, hatte sich Köln seit seiner Gründung als Handelszentrum im nordwestlichen Europa etabliert. Zudem querten hier die Handelsrouten zwischen dem Maasgebiet und dem Osten den Rhein. Es gab große Kaufhäuser für die wichtigsten Waren: das Leinenkaufhaus am Altermarkt (1550 zum Rathaus eingezogen), die Eisenhalle (Eisen, fremde Tücher) am Malzbüchel, das Erdgeschoss des Gürzenichs für „trockene“ Waren wie Häute, Metalle, Gewürze und andere Kolonialwaren, später auch Textilien, sog. „Drugewaare“, und das Fischkaufhaus für fette und feuchte Waren, sog. Ventgüter. Der aus neun Einzelblättern bestehende Holzschnitt von Anton Woensam (s. Bild rechts) gibt eine lebhafte Schilderung der Stadt Köln, besonders des Rheinufers. Auf diesem Detail mit Groß St. Martin und Dom, unter der Obhut von zweien der Heiligen Drei Könige erkennt man mit der Fischpforte (vgl. auch Bild der Woche 13/2006) das Herzstück des spätmittelalterlichen Wirtschaftslebens. Die in der Nordsee gefangenen Heringe und der von Rhein und Mosel stammende Wein zählten zu den wichtigsten Kölner Handelsgütern. Die Heringe wurden in Köln umgepackt und erhielten hier spezielle Brandzeichen, den Kölner Brand, der als Gütemerkmal galt. Und dieselben Kaufleute, die den Hering den Rhein hinauf oder nach Osten handelten, brachten auf der Rückkehr den dortigen Wein mit. Das Gitter am linken Bildrand kennzeichnet die Grenze zwischen nieder- und oberländischen Schiffen (die aber gemeinhin rheinisch-variabel ausgelegt wurde). Niederrheinische Segelschiffe, die Kölner Aaken, liegen dicht an dicht. Daneben sind aber auch Lauertannen vertäut, die vom Oberrhein kommend weniger wertvolle Massengüter transportierten. Da sie für den ‚Bergtransport’ nicht geeignet waren, wurden sie am Bestimmungsort zerlegt, ihr Holz weiterverwendet. Im Vordergrund eine Köln-Deutzer Fähre Am 31. März 1831 bereitete die Mainzer Rheinschifffahrtsakte – „Die Übereinkunft unter den Uferstaaten des Rheins und auf die Schiffahrt des Flusses sich beziehende Ordnung“ – 600 Jahren mehr oder weniger erfolgreicher Kölner Wirtschaftspolitik ein Ende. Die seitdem garantierte freie Fahrt auf dem Rhein bedeutete das endgültige Aus für den Kölner Stapel, der allerdings schon seit der französischen Zeit zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken war.

R. Wagner