Sensationelle Bilder durch den Einsatz neuester Technologie

Bild der 13. Woche - 30. März bis 5. April 2009

links: Stefan Lochner Hieronymus im Gehäuse, um1435 Eichenholz, 38 x 30 cm North Carolina Museum of Art, Raleigh rechts: Innenraum des Bildes erzeugt mit Multiplex-Stereodigitalisierung Copyright: Forschungsgruppe Lirpa 2009
Schematische Darstellung der Digitalisierungswinkel Multiplex-Stereodigitalisierung Copyright: Forschungsgruppe Lirpa 2009

Seit nunmehr über 20 Jahren arbeiten die Museen in Deutschland mehr oder weniger intensiv mit EDV-gestützter Technologie. Waren es bis etwa 1993 ausschließlich Datenbanken, so wurde vor allem in den Neunzigern eifrig auch mit den neuen Medien experimentiert (CD-Rom-Publikationen, Einsatz der digitalen Fotografie, digitale Informationssysteme). In den letzten fünf Jahren ist es ganz aus der Mode gekommen, von den „neuen“ Medien zu sprechen, da es sozusagen keine „alten“ mehr gibt. Die Entwicklung spielt sich heute in der Leistungserweiterung und Miniaturisierung ab, sodass es fast im Monatsrhythmus bessere und preiswertere Systeme gibt. Dieser Entwicklung sind nun die technischen und finanziellen Rahmenbedingungen zu verdanken, welche es Mitarbeitern des Wallraf-Richartz-Museums & Fondation Corboud ermöglichten, die kunsttechnologische und kunsthistorische Forschung einen großen Schritt weiterzubringen. Bereits in den letzten Jahren ist es gelungen, Werken Stefan Lochners weitere Geheimnisse zu entlocken – vor allem der Madonna in der Rosenlaube (s. BdW 35/2006). Im Rahmen eines größeren Forschungsprogrammes zum Frühwerk des Kölner Meisters wurde nun die kleine Tafel mit der Darstellung des Hl. Hieronymus aus Raleigh in Köln untersucht. Die Kombination aus Multiplex-Stereodigitalisierung und aufwendigen mathematischen Berechnungen machte es möglich, die Welt der „gemalten Räume“ weiter zu erkunden und dadurch wertvolle Erkenntnisse über die Entwicklung der Perspektive in der mittelalterlichen Malerei zu gewinnen. Da die in den Räumen dargestellten Figuren und Gegenstände keine eindeutige Beurteilung der perspektivischen Verbindungen ermöglichen, wurden immer wieder Versuche unternommen, mit technischen Mitteln einen Blick „hinter die Kulissen“, auf den Raum hinter den dargestellten Personen zu werfen. Der Durchbruch gelang nun den Restauratoren des Wallraf und der Abteilung kunsthistorische Informatik der Kölner Museen durch den Einsatz der sogenannten Multiplex-Stereodigitalisierung. Hier werden mit digitalen optischen Mitteln aus bis zu fünfzig verschiedenen Blickwinkeln (s. Schemabild rechts) einzelne digitale Aufnahmen erzeugt und anschließend in einem aufwendigen mathematischen Verfahren von einer IBM-Workstation zu einem Gesamtbild zusammengestellt. Vorab wurde dabei festgelegt, welche Bereiche des Bildes herausgefiltert werden sollten. Auf diese Weise gelang es, die hier abgebildete Innenraumansicht (s. rechte Seite der Abbildung) zu realisieren. Mit deren Hilfe kann nun eindrucksvoll gezeigt werden, dass die Zentralperspektive (s. Fliesenboden) nicht lange eine Domäne der italienischen Frührenaissance geblieben ist. Bereits in den 30er Jahren des 15. Jahrhunderts war sie im Werk Stefan Lochners sichtbar. In den nächsten Wochen sollen weitere, vor allem altniederländische Werke, in Köln untersucht werden. Die gerade zu Ende gegangene Ausstellung des Städelschen Kunstinstitutes zum Meister von Flemalle macht dies möglich, da die Werke auf ihrem Weg zur Berliner Station der Ausstellung eine Zwischenstation in Köln einlegen können. Auch die Mond-Ausstellung im Wallraf eröffnet weitere interessante Anwendungsgebiete dieser neuen Technologie.

T. Nagel