Liebe zum Auferstandenen

Bild der 15. Woche - 13. bis 19. April 2009

Meister von Sankt Laurenz Noli me tangere, um 1425/30 Eichenholz auf Tischlerplatte, 90 x 56 cm Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, WRM 0030

Die ursprüngliche „Bildlosigkeit“ ist gerade das Entscheidende am österlichen Geschehen. Die Künstler aller Generationen können und konnten nicht auf eine beschreibende Überlieferung der Auferstehung zurückgreifen. Dennoch haben sich – natürlich – ikonographische Traditionen herausgebildet. Auf der einen Seite ist es vor allem das Emporsteigen Christi aus dem Sarkophag, welcher von schlafenden Soldaten bewacht in einer Landschaft oder der Grabeshöhle steht (s. BdW 15/2007 oder BdW 16/2001). Dieser, aus einzelnen biblischen Zeilen und der künstlerischen Phantasie zusammengestellten Szene stehen auf der anderen Seite die Bilder gegenüber, welche sich dem Ostergeschehen authentisch nähern, indem sie die Evangelien zur Grundlage nehmen. Dies sind die „indirekten“ Schilderungen der Auferstehung, wie z. B. die drei Marien am leeren Grab (Mt 28,1-8 par) oder Petrus und Johannes am leeren Grab (Joh 20,3-10). Ferner sind es die Szenen, welche die späteren Erscheinungen des Auferstandenen thematisieren, etwa die Jünger auf dem Weg nach Emmaus (Lk 24,13-35 par) oder auch das Thomasereignis (Joh 20,24-29). Eine Szene hat jedoch in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung, da sie im biblischen Kontext die zeitlich erste Erscheinung des Auferstandenen ist (vgl. Mt 16,9) und da sie zugleich ein theologisches Lehrstück darstellt: Noli me tangere, Maria Magdalena begegnet dem Auferstandenen (Joh 20,11-18): Maria aber stand draußen am Grabe und weinte. ... Und die Engel sprachen zu Ihr: „Frau warum weinst du?“ Sie sagte zu ihnen: „Weil sie meinen Herrn weggenommen haben, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“ Nach diesen Worten wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wußte aber nicht, daß es Jesus war. Jesus sagte zu ihr: „... wen suchst du?“ Sie meinte, es sei der Gärtner und sagte zu ihm: „Herr, wenn du ihn fortgetragen hast, so sag mir, wo du ihn hingelegt hast. Dann werde ich ihn holen“. Jesus sagte zu ihr: „Maria!“ Da erkannte sie ihn .... Jesus sagte zu ihr: „Berühre mich nicht (Noli me tangere). Denn ich bin noch nicht zum Vater gegangen“. Der Meister von Sankt Laurenz zeigt auf dieser Tafel der sogenannten „Großen Passion“ von 1425/30 die Szene in einem Garten, um die Verwechslung mit dem Gärtner zu illustrieren, aber auch da das Grab Jesu als in einem Garten liegend beschrieben wird (vgl. Joh 19,41). Christus hält – sozusagen als Attribut eines Gärtners - eine Schaufel. Maria Magdalena kniet vor ihm, streckt ihre Arme aus. Der Maler greift so die Haltung auf, in welcher Maria Magdalena oft bei der Kreuzigung in der liebenden Umarmung des Kreuzes dargestellt wurde. Gleichzeitig illustriert er in dieser Geste das Thema „Berühre mich nicht“. Christus wehrt die Umarmung mit einer Hand ab. Das am Boden stehende Salbgefäß ist einerseits Attribut der Heiligen, andererseits hat es hier aber auch eine erzählerische Aufgabe, denn Maria Magdalena kam zum Grab, um den Leichnam zu salben. Im Gegensatz zu allen anderen Berichten von der Erscheinung des Auferstandenen begegnet in dieser Situation Christus einer Einzelperson und daher ist diese Szene besonders geeignet, symbolisch das Verhältnis der einzelnen gläubigen Seele zu Christus widerzuspiegeln bzw. die Kirche selbst in ihrem Verhältnis zu Christus zu betrachten: Maria Magdalenas Augen sind für die Natur des Auferstandenen blind und erkennen Christus erst als dieser sie anspricht (Die Erkenntnis Gottes ist nur mit Gottes Unterstützung möglich). Unterschiedlich wird in der kirchlichen Tradition die Zurückweisung der Berührung interpretiert. Papst Leo der Große (gest. 461) beispielsweise sieht hier einen Hinweis darauf, das man nach Ostern Christus in seiner vollen Wirklichkeit nur mit dem geistigen Auge „begreifen“ kann (Predigt 74,5). Moderne Exegeten deuten die Stelle im Sinne von: halte mich nicht fest, halte mich nicht auf meinem Weg zu Vater auf. Der Maler scheint sagen zu wollen: Laß mich, ich bin nicht mehr Gegenstand deiner irdischen liebenden Umarmung, sondern liebe mich aus deiner Seele heraus.

T. Nagel