Bild der 10. Woche - 9. bis 15. März 2009

(Carl Marquardt - ) Gebrüder Marquardts völkerkundliche Schaustellung Die Samoaner, Umschlag zu München: Vereinigte Druckereien & Kunstanstalten; G. Schuh & Cie., o. J. 12 S. Nebst eingekl. Programmzettel, Farblithographie, Papier, 20 x 14 cm Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 950/358, ungez. Bl.

VORBEMERKUNG: Wie der Zufall es will, war für dieses Bild der Woche schon länger die Präsentation eines Blattes des Historischen Archivs der Stadt Köln geplant. Angesichts des Geschehens in der vergangenen Woche empfinden wir tiefe Betroffenheit und fühlen uns allen Opfern dieser menschlichen Tragödien eng verbunden. Mit Bezug auf unser Bild der Woche fragen wir uns, ob dieses Blatt noch einmal zu sehen sein wird. Aber vielleicht ist es der richtige Weg, jetzt verstärkt das historische Wissen zusammenzutragen, welches an vielen Stellen in der Stadt und im Wissen und Erinnern ihrer Bewohner noch erhalten ist. Hierzu möchten wir alle unsere Leser ermutigen. Die Redaktion des Bildes der Woche „An besonderen Tagen: Rösten ganzer Schweine…“ Die hier abgebildete Annonce bezieht sich nicht auf die Eröffnung einer Fleischerei, sondern verweist auf eine Sonderausstellung besonderer Art, die im Juli 1910 im Zoologischen Garten zu Köln stattfand. Zu diesem Anlass gaben Aufsichtsrat und Vorstand dem verehrten Publikum folgendes bekannt: „Im Zoologischen Garten wird sich von Dienstag, den 5. bis einschließlich Dienstag den 26. Juli eine Gesellschaft Samoaner den Besuchern zeigen. Sie stammen von der Südseeinsel Samoa, deren 10-jährige Zugehörigkeit zum Deutschen Reiche in diesem Jahre dort festlich begangen wurde.“ Ausgestellt wurde eine Gruppe von 26 Samoanern; unter ihnen der Häuptling Tamasese Le Alofi II. und Mitglieder seiner Familie, wie anderer Adelsfamilien der Inseln. Die Aufgabe der „Exponate“ bestand darin, mehrfach täglich Tänze und Waffenspiele vorzuführen, wie auch zweimal wöchentlich ein ganzes Schwein in einer mit Blättern und heißen Steinen gefüllten Bratgrube zuzubereiten und das Publikum mit Kostproben zu erfreuen. Obendrein war als zusätzliche Attraktion eine Rutsche installiert worden, auf der die leicht mit Bastrock und Blumenkette bekleideten Samoaner in ein Wasserbecken glitten und herum schwammen oder in Kanus ruderten. (Dankenswerterweise für die Beteiligten spielte sich das Ganze im Sommer ab.) Das Ausstellungskonzept stammte von Carl Marquardt und seinem Bruder Fritz, der als ehemaliger Polizeipräsident von Apia auf Samoa beste Beziehungen zur deutschen Kolonie besaß. Ausstellungen exotischer Menschen waren seit ihrer Einführung auf den Weltausstellungen schon länger bekannt und popularisierten im Zeitalter des europäischen Kolonialismus das Bild des gezähmten Wilden, oder auch der neuen Landsleute. Die wurden gern als lebende Bilder inszeniert und mussten in zum Teil selbstgebauten Hütten Kunsthandwerk oder landestypische Speisen herstellen und folkloristische Gesangs- und Tanzeinlagen vorführen. Diese frühe Form des Infotainments hatte den Vorteil, dass man die Fremden zum Anfassen nah, ohne Gefahr von Leib und Leben oder lange Expeditionen vor Augen bekam. Naheliegend, dass diese Veranstaltungen dort stattfanden, wo auch die anderen Exoten weilten – im Zoo. Zu Beginn der Ausstellung hob der Stadtanzeiger (6. Juli 1910) die Vorzüge von Ausstellung und Ausstellern hervor: „Männer wie Frauen der Samoaner sind wohlgebaut, die Frauen zum Teil auch nach europäisch Begriffen schön im Gesichtsausdruck, vor allem aber zeichnet sie ein vollendetes Ebenmaß der Glieder, volle, wohlentwickelte Büsten, sehnige, nicht übermäßig starke, aber dabei doch von voller Kraft zeugende Muskelbildung aus.“ Darüber hinaus lobte der anonyme Verfasser des Artikels den ethnologischen Wert der Veranstaltung: „Neben dem großen künstlerischen Genuß, den die Vorführungen der Samoaner bieten, steht ja auch der erzieherische Wert, der darin enthalten ist, daß dem breiten Publikum hier ein Einblick vergönnt ist in Art und Sitten einer Menschenrasse, die nach ihren Begriffen von Sittlichkeit und Moral in vielen Punkten der europäischen gleich zu stellen ist.“ Auch wurden die Gäste mit großer Ehrerbietung behandelt und von Zoodirektor Dr. Ludwig Wunderlich und seinem Verwaltungsrat zu einem ‚kleinen Imbiss’ geladen, wo festzustellen war, „daß diese Majestät trotz ihres kurzen Aufenthalts in Europa… vollkommen die europäischen Sitten beherrschte“. Der so gewürdigte Exil-König Tamasese nutzte sein Varieté-Engagement auch für diplomatische Zwecke: Kaiser Wilhelm II. gewährte ihm in Berlin eine Privataudienz. (Wenn Völkerverständigung nur immer so einfach wäre…) Im übrigen ist die Ausstellung „Köln postkolonial“, die im Kölnischen Stadtmuseum gezeigt wird, aufgrund des regen Interesses des verehrten Publikums, für das wir herzlich danken, bis Sonntag, dem 15. März 2009 verlängert worden und harrt ergebenst weiterer Besucher.

B. Alexander