Bild der 14. Woche - 6. bis 12. April 2009

Die Unterzeichnung zeigt eine andere Kopfhaltung Infrarotreflektographie des Gemäldes von Heinrich Vogtherr d. Ä. (s. Bild rechts)
Heinrich Vogtherr d. Ä. Christus und die Ehebrecherin, 1521? Öl auf Lindenholz, 113 x 91,5 cm Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, WRM 530

So spannend sich das letzte Bild der Woche auch anhörte - wir müssen an dieser Stelle eingestehen: es war ein Aprilscherz (der Forschungsgruppe „lirpA“). Selbst unter besten technischen Bedingungen kann man nicht hinter Dinge oder in Räume sehen, die nicht gemalt wurden. Auch der besten Computer hat keine Möglichkeit, die Mona Lisa aus ihrer Umgebung „herauszurechnen“ und die hinter ihr verborgene Landschaft sichtbar zu machen. Es sei denn… Leonardo hätte diese Landschaft wirklich komplett gemalt und dann sein Porträt darübergefügt. Sozusagen als Wiedergutmachung soll das Bild der Woche die Methoden darstellen, mit welcher man solche vom Maler „hinter“ die Maloberfläche gesetzte Darstellungen anschauen kann: Die Untersuchung mit Infrarotstrahlung und in einem der nächsten Bilder der Woche die Untersuchung mit Röntgenstrahlen. Die Arbeit mit dem Bereich des Infrarot („unterhalb des Rot“) im Spektrum des Lichtes ist nicht besonders neu. Entdeckt wurde dieser Spektralbereich des Sonnenlichtes im Jahre 1800 und seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts kann man ihn auf Fotopapier sichtbar machen. Schon Anfang der 30er Jahre kam man auf die Idee, die (nahe) Infrarotstrahlung für Aufnahmen von Gemälden zu nutzen, um dessen besondere Eigenschaften zur Untersuchung fruchtbar zu machen. Man leuchtete die Werke mit einer entsprechenden Strahlungsquelle (Glühlampe) aus und machte das Ergebnis auf infrarotempfindlichem Fotomaterial (technisch bedingt als Aufnahme in Graustufen) sichtbar. Seit 1967 wird in der Regel mit Hilfe einer entsprechenden Videokamera ein elektronischer Weg zur Ansicht des erzeugten Infrarotbildes gewählt (Infrarotreflektographie). Hierbei läßt sich das Ergebnis der Untersuchung auf dem Bildschirm direkt, sozusagen in „Echtzeit“ betrachten. Wofür setzt man heute die Untersuchung eines Gemäldes mit Infrarotstrahlung ein? Man macht sich zwei besondere Eigenschaften dieses Spektralbereiches zu nutze: Die unterschiedliche Absorption bzw. Reflexion der Strahlung durch die verschiedenen Farbmaterialien (Pigmente) sowie die größere Durchdringungskraft der Strahlen (geringere Streuung an Teilchen) gegenüber dem Tageslicht. So sind im normalen Licht opak wirkende Farbschichten in der Infrarotstrahlung durchsichtig. Mithilfe der unterschiedlichen Absorption ist es z. B. leicht möglich, nachträglich mit anderen Farbmaterialien aufgetragene Übermalungen und Retuschen (reparierte Schäden) sichtbar zu machen: Unter Tageslicht wirkt alles identisch, im Infrarotbild fallen die späteren Hinzufügungen dunkel auf. Wegen seiner stärkeren Durchdringungskraft macht Infrarotstrahlung gegenüber dem Tageslicht vor allem die tiefer liegenden Schichten des Bildes sichtbar und gewährt so einen Blick auf die sogenannte „Unterzeichnung“ bzw. „Untermalung“ eines Bildes. Die Strahlung durchdringt die Farbschichten und wird schließlich von der weißen Grundierung des Gemäldes reflektiert. So wird die Zeichnung auf der Grundierung durch weniger starke Reflexion sichtbar. Auch wenn viele Blau- und Grünpigmente (z. B. Azurit, Malachit) die Infrarotstrahlung stark absorbieren und somit wenig Durchblick zulassen, kann man auf diese Weise einen guten Einblick in die Entstehungsgeschichte eines Werkes werfen. Weißpigmente werden z. B. praktisch durchsichtig. Man erkennt Bereiche, die bei der Ausführung anders formuliert wurden als sie in der Vorzeichnung auf dem Bildträger zu sehen sind. Ein besonders deutliches Beispiel sehen Sie in der Abbildung oben. Der Maler hat den Kopf des Mannes links vollständig anders ausgeführt, als er es in der Unterzeichnung geplant hatte. In der Kombination beider Besonderheiten der Infrarotstrahlung gelingt es manchmal auch, das Farbmaterial der Unterzeichnung zu bestimmen und so weitere Informationen über den Entstehungsprozess eines Gemäldes zu erhalten. Die Untersuchung eines Gemäldes mit Infrarotstrahlung bzw. die Infrarotreflektographie gehört neben der Prüfung durch den Augenschein zu den Methoden, den Erhaltungszustand eines Werkes einzuschätzen.

T. Nagel