"Und wenn et Trömmelche jeht"

Bild der 14. Woche - 7. bis 13 März 2008

Trommel der Kölner Bürgerwehr Leinentrommel, Buche, Messing H: 40 cm, Dm.: 41 cm Köln, Kölnisches Stadtmuseum

Nach den Berliner Märzereignissen und nachdem dort am 19. März 1848 eine Bürgerwehr genehmigt worden war, wollte man eine solche auch für Köln, zumal man hier das preussische Militär als Besatzungsmacht empfand. Schon am folgenden Tag wurde die Einrichtung einer Bürgerwehr für Köln genehmigt, und dies am 13. April 1848, also diese Woche vor 160 Jahren, durch die „Ordnung für die Kölnische Bürgerwehr” publiziert. Danach konnte jeder großjährige, unbescholtene, preussische (männliche) Bürger Mitglied werden. Oberstes Gremium war die Versammlung der (gewählten) Chefs. Auch auf den unteren Ebenen gab es keine Befehle, die allesamt gewählten Anführer mussten Überzeugungsarbeit leisten. Die Führung der Bürgerwehr lag zunächst in den Händen der städtischen Honoratioren: Chef der Bürgerwehr wurde bei den Wahlen am 1. Juli Heinrich von Wittgenstein (1797–1869), seit 8. April schon Regierungspräsident, sein Stellvertreter Franz Raveaux (1810–1851). Sie war nach Stadtvierteln eingeteilt, zuletzt zählte sie 20 Kompanien mit über 6000 Mann (d. h. ihre Stärke entsprach der des in Köln stationierten Militärs). Zur Bürgerwehr gehörten auch zwei Musikkapellen und ein Chor, im September wurde auch noch ein Pionierkorps aufgestellt. Jacques Offenbach (s. Bild der Woche 40/2005) komponierte sogar ein Bürgerwehrlied. Da Mittel zum Einkleiden der Bürgerwehr nicht zur Verfügung standen, gab es keine Uniform, stattdessen griff man auf Schärpen, Kokarden und Bänder zurück. Die Waffen lieh man sich beim Militär. Der gesellschaftliche Aspekt spielte – wie in Köln ja auch nicht anders zu erwarten – eine große Rolle: Schon im April fand das erste von zahlreichen noch folgenden Bürgerwehrfesten für die ganze Familie statt. Ihre Hauptaufgabe waren jedoch nächtliche Kontrollen, um Ruhestörungen und Krawalle sowie Einbrüche zu unterbinden. War der Schutz der Bürger vor der drohenden Gefahr einer Revolution die eine Seite der Bürgerwehr, so war die „allgemeine Volksbewaffnung” die andere. Zur Mündigkeit des (männlichen) Staatsbürgers gehörte nach damaligem Verständnis auch das Recht, Waffen zu tragen als die „edelste Zierde des Mannes”. Die Bürgerwehren waren die einzige nichtmilitarisierte Kraft in Preussen, die Waffen tragen durfte. Auch Mitglieder des Kölner Arbeitervereins wie Fritz Anneke oder Friedrich Engels waren Mitglieder der Kölner Bürgerwehr – man wollte bewaffnet sein, um verhindern zu können, dass mit Hilfe des Militärs die errungenen Freiheiten wieder rückgängig gemacht würden. Erstmals gefordert wurde die Bürgerwehr im September 1848 – und versagte kläglich. Am 11. September kam es zu Übergriffen von Soldaten gegen Kölner Bürger. Die Bevölkerung verlangte das Zusammenrufen der städtischen Bürgerwehr, aber deren Chef Wittgenstein lehnte ab. Dies wiederum führte zu dessen erzwungenem Rücktritt am 16. September (tagsdrauf trat er auch als Regierungspräsident zurück). Gänzlich chaotisch wurde der 25. September. Angehörige der Bürgerwehr und Mitglieder des Arbeitervereins wurden verhaftet, zwei konnten von der wütenden Menge befreit werden. Sofort wurde die Bürgerwehr zusammengerufen. Eine Versammlung vor dem Zeughaus (wo das Militär Waffen aufbewahrte) konnte sie auflösen, aber schon bald versammelten sich die aufgebrachten Menschen auf dem Altermarkt. Wieder verlangte die Polizei die Unterstützung durch die Bürgerwehr, die war aber nur bereit, eine gewalttätige Kundgebung vor dem Polizeipräsidium zu beenden. Unterdessen versammelten sich immer mehr Menschen auf dem Altermarkt. Die Bürgerwehrmänner lehnten es ab, den Altermarkt zu räumen, mischten sich aber auch auf der anderen Seite nicht ein. Beim nun folgenden Barrikadenbau schieden sich die Geister, einige Bürgerwehrleute unterstützten die Barrikadenbauer, andere räumten die errichteten Barrikaden wieder ab (s. Bild der Woche 39/1998). Trotzdem nutzte der Kommandant der Festung Köln, Oberst Engels, die Chance, die Kölner Bürgerwehr am 26. September 1848 aufzulösen und die Rückgabe der Waffen anzuordnen. Dieser Aufforderung folgten die meisten ohne Widerstand. Zuletzt standen am Appellhofplatz noch 150 Männer, die ihre Waffen nicht abgeben wollten, den Soldaten gegenüber. Unter der wohl richtigen Einschätzung der (Harmlosigkeit der) Situation und des Kölner Charakters verzichtete das Militär auf hartes Durchgreifen und blieb abwartend, aber überall präsent und hielt die strategisch wichtigsten Punkte besetzt. Schließlich lieferten auch die Standhaftesten ihre Waffen ab. Die Bürgerwehr hatte sich als unfähig erwiesen, im Sinne des Staates die Ordnung aufrecht zu erhalten, zugleich aber als gefährlich, weil es innerhalb der Bürgerwehr zu viele Kräfte gab, welche die „besitzende Klasse” lieber nicht bewaffnet sehen wollte. Es kam nicht zu einer Neubildung, die ein neues Gesetz zwar möglich gemacht, aber ihres Selbstverständnisse beraubt hätte – sie wäre auf den König vereidigt worden und auch ihre demokratischen Prinzipien wären hinfällig geworden. Die „Kölner Bürgerwehr” war nur eine, zudem relativ unbedeutende Episode im ereignisreichen Jahr 1848,. Erstaunlicherweise haben sich gerade ihre Relikte – z. B. Mütze, Schärpe, Tambourmajorstock und die hier gezeigte Trommel in den Farben Schwarz-Rot-Gold – relativ zahlreich in den Beständen des Kölnischen Stadtmuseums erhalten. Sie gehörten zu den ersten Objekten, die das Historische Museum 1888 inventarisieren konnte – die ehemaligen Milizionäre hatten sie in Ehren gehalten!

R. Wagner