Schönheit und Schmerz III

Bild der 11. Woche - 15. bis 21. März 2004

englisches Abendkleid Satin, Pailetten und Glasperlen Museum für Angewandte Kunst, Inv.Nr. P 3

In erotischen Kurven Das elegante Abendkleid aus schwarzem Satin gehörte einstmals einer wohlhabenden englischen Lady. Es wurde kurz nach der Jahrhundertwende um 1903/07 von ihr getragen und ist aufwendig mit Pailletten aus Gelatine und facettierten Glasperlen bestickt. Die Muster greifen die zeitgenössischen Motive des damals international verbreiteten Jugendstils auf. Von der schmalen Taille ausgehend fließen die aufgereihten Pailletten in Wellenbewegungen hinab bis zum Saum, wo sie sich zu Voluten aufrollen. Die Büste mit dem großzügigen Dekolleté ist vollständig mit Perlen und Pailletten bestickt. Die gerafften, durchsichtigen Ärmel aus Natté, unter denen die helle samtige Haut durchzuscheinen vermag, reichen bis zu den Ellenbogen. Die weibliche Silhouette war zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Kurven und Rundungen bestimmt, die den Körper in einer gleichfalls fließenden Bewegung s-förmig krümmten. Die sogenannte Sans-Ventre-Linie (frz. ‚ohne Bauch‘) wurde durch Stützkonstruktionen in die richtige Form gebracht. Das Korsett half Bauch und Hüften wegzuschnüren, den Oberkörper nach vorn zu drücken und das Gesäß durch die tiefe Taille und dem bewußt hervorgerufenen Hohlkreuz besonders zu betonen. Ein solchermaßen geschnürter und gepreßter Leib entsprach dem damaligen weiblichen Schönheitsideal und wirkte besonders erotisch. Durch das mit Fischbein, Metall oder Holz versteifte Mieder wurde die Dame zwar zum kunstvoll geformten Objekt der Begierde, sie hatte aber auch mit schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen zu kämpfen, die das Bild des vermeintlich „schwachen“ Geschlechts bestärkten. Abgesehen von der Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit verursachte das enge Schnüren des Körpers Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Hitzewallungen und Ohnmachtsanfälle, aber auch Atembeklemmung, Fehlgeburten und Schäden an den inneren Organen wie zum Beispiel Leberpressung. Mit dem sogenannten Reformkleid (1898 – etwa 1910), einem bequemen, lose von den Schultern herabfallenden und nicht taillierten Kleid, wurde das steife Korsett endlich abgelegt und durch das weiche sogenannte Reformmieder (leibchenartige Brustgürtel), durch Büstenhalter, Hüftgürtel und Hemdhosen ersetzt. Ärzte, aber auch Künstler, Sozialreformer und Frauenrechtlerinnen propagierten die neue Mode in ihren Kreisen. Die Emanzipation der gesundheits- und selbstbewußten Frau schließlich ging in nicht unwesentlichem Maße mit ihrer Befreiung von modischen Zwängen einher.

P. Brattig