Die Kunst zu helfen

Bild der 52. Woche - 30. Dezember bis 5. Januar 2006

Stephan Lochner, Muttergottes in der Rosenlaube, um 1450, Eichenholz, 50,2 x 39,6 cm, Köln, Wallraf-Richartz-Museum – Fondation Corboud, WRM 67
Stephan Lochner, Anbetung des Kindes, 1445, Eichenholz, 37,5 x 23,5 cm, München, Alte Pinakothek
Detail aus dem bewachsenen Boden des Gemäldes.

Seit wenigen Tagen reist das berühmteste Gemälde des Mittelalters in Köln durch die Welt: Natürlich nicht als Original, dies wäre für den Bestand des auf eine Eichenholztafel gemalten kleinen Bildes zu gefährlich, jedoch auch nicht in einer einfachen fotographischen Kopie. Vielmehr wurde dieses Hauptwerk des Kölner Malers Stephan Lochner als Motiv ausgewählt für eine der beiden Wohlfahrtsmarken, welche die Deutschen Post zu Weihnachten 2005 herausgebracht hat. Auch dem zweite Motiv liegt ein Gemälde Lochners zugrunde. Dieser kleine Flügel eines Diptychons befindet sich heute in der Alten Pinakothek in München (s. Bild rechts). Lochners Kölner Bild ist nicht nur ein Meisterwerk in kompositorischer oder maltechnischer Hinsicht, hier ist einem Maler auch in unglaublicher Weise gelungen, ein komplexes, mit vielen theologischen Themen und Symbole durchzogenes Thema so zum bildhaften Ausdruck zu bringen, daß man nicht eine Aufzählung einzelner kirchlicher "Lehrsätze" zu sehen bekommt, sondern ein harmonisches, das Auge erfreuendes Gemälde. Bei näherer Betrachtung sieht man immer neue Details. Von diesen entspringt kein einziges einem zufälligen Einfall des Malers, sondern jedes besitzt eine theologische Bedeutung, die zum Gesamtthema gehört und dieses erläutert oder unterstützt. Die Reproduktion des Bildes auf der Marke ist – naturgemäß – klein, in unserem Falle jedoch so klein, daß die Detailfülle dort nur erahnt werden kann. Einige dieser Darstellungen sollen hier Erwähnung finden: Das gesamte Geschehen ist den Augen des Betrachters nur deshalb zugänglich, weil zwei Engel (oben rechts und links) einen Vorhang zurückziehen und so den Blick in die vom himmlischen Gold-Licht geprägt Szene preisgeben. Die mit einer reich verzierten kaiserlichen Krone geschmückte Gottesmutter Maria sitzt nicht auf einem Thron, sondern demütig auf einem roten Kissen. Sie ist umgeben von Engeln. Die vorderen stimmen mit ihren Instrumenten in die himmlische Musik mit ein. Rechts reicht ein Engel dem Christuskind einen Apfel und erinnert damit an den Apfel des Sündenfalls. Christus wird somit als der Zweite Adam charakterisiert, der die Schuld des ersten Adams löst. Hinterfangen wird die Szene von einer Rosenlaube, an der weiße und rote Rosen zu erkennen sind, Symbole für Liebe, Freunde und Schmerz. Hiermit wird an die 7 freudigen und die 7 schmerzvollen Ereignisse im Leben Mariens erinnert. Die weißen Lilien hinter Maria nehmen Bezug auf die Jungfräulichkeit, vielleicht sogar auf die Geburt Mariens als "Unbefleckte", also als nicht mit der Erbschuld belastete. Die mit unglaublicher Präzision wiedergegebene Pflanzenwelt des Bodens ist voll von symbolischen Anspielungen auf Maria. So z. B. die mit einem Pinselhaar gemalten Erdbeeren (s. Detail rechts). Sie verweisen auf die Jungfräulichkeit Mariens, da die Pflanze Blüten und Früchte zur gleichen Zeit haben kann. Die Zahl der großen Perlen in Mariens Krone (9 = Stufen der Erlösung) ist ebenso von Bedeutung wie die Zahl der Perlen in ihrer Brosche (7 = Gaben des Hl. Geistes, Sakramente, aber auch 4 Kardinaltugenden und 3 Haupttugenden). Zum Schluß der Hinweis auf die besondere Darstellung in der Brosche, die in einem Bild der Woche von 1998 (Bild der 51. Woche - 14. bis 21. Dezember 1998) bereits erläutert wurde.

T. Nagel