Das Ei des Cornelius Stüssgen

Bild der 20. Woche - 15. bis 21. Mai 2006

Werner Mantz, Eiersortierung bei der Fa. Cornelius Stüssgen in Köln, Foto 1929, Köln, Rheinisches Bildarchiv, 610247
Detail aus dem Foto von Werner Mantz

Seit Beginn der zwanziger Jahre bedienten sich Industrie, Gewerbe und Handel zunehmend der Fotografie, um ihre Arbeitsweisen und technischen Fortschritte zu dokumentieren und einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Viele Fotografen – nicht nur in Köln - begannen ihre Laufbahn in dieser Zeit mit solchen Auftragsarbeiten. Aus einer Auftragsarbeit der Firma Cornelius Stüssgen in Köln stammt auch die vorliegende Aufnahme von Werner Mantz. Diese Lebensmittelhandlung war 1897 gegründet worden. Sie war in Köln und im Rheinland sehr erfolgreich und existiert noch heute. Anläßlich des 1929 erfolgten Bezuges neuer Firmengebäude in den Kölner Stadtteilen Rodenkirchen und Braunsfeld erhielt Werner Mantz den Dokumentationsauftrag, aus dem die vorliegende Aufnahme stammt. Der 1901 in Köln geborene Fotograf war in den 20er Jahren durch seine Architekturaufnahmen zu einem gefragten Spezialisten avanciert und ebenso wie sein Kölner Kollege Hugo Schmölz für viele namhafte Architekten und Bauherren tätig. Die hierbei gewonnenen Fertigkeiten ließen sich ohne Einschränkung auf Werks- und Industrieaufnahmen übertragen. Mantz übernahm daher mehrfach auch solche Aufträge. 1932 eröffnete Werner Mantz in Maastricht ein zweites Atelier, konnte dort jedoch an seine Kölner Erfolge nicht anknüpfen und wechselte daher zur Kinderfotografie. 1983 starb er in den Niederlanden. 1979 erwarb das Museum Ludwig ein umfangreiches Konvolut von seinen Aufnahmen, darunter auch einige Negative, die dem Rheinischen Bildarchiv zur Obhut übergeben wurden. Aus diesem Bestand stammt die vorliegende Aufnahme. Das Foto führt den Betrachter in eine Welt der Lebensmittelindustrie zurück, in der manuelle Eingriffe noch alltäglich waren. Heute sind diese Verfahren durch vollautomatische Abläufe ersetzt. Neben dem primären Effekt, einen Blick in die Vergangenheit zu tun, wird unser Interesse aber vor allem durch die formalen Qualitäten geweckt. Mit seinem erhöhten Standpunkt erreichte der Fotograf zum einen, dass die verschiedenen Arbeitsschritte in einer einzigen Aufnahme gezeigt werden können und entspricht damit voll dem dokumentarischen Ziel. Zugleich nutzt er die Perspektive, um die Szene mit einem spannungsreichen Wechsel zwischen linearen und plastisch-formalen Elementen formal zu beleben und auf diese Weise seine gestalterischen Fähigkeiten zu demonstrieren. Der Vordergrund wird von einem runden Gestell beherrscht, auf dem die Eier dicht gehäuft liegen (s. Bild rechts). Durch die seitlich von oben geführte Beleuchtung kommt ihre rundliche Form und die unterschiedliche Tönung der Schalen selbst in der Schwarzweiß-Aufnahme noch zum Tragen und hebt sie deutlich gegen das starre Teilungskreuz ab. Aus dem oberen Kompartiment werden die einzelnen Eier durch einen trichterförmigen Ausgang auf eine Schiene geleitet, hinter der sich eine laufbandartige Anlage zur Durchleuchtung der Eier verbirgt. Um diese, als mittlere Bildachse wirkende "Schiene" gruppieren sich rechts und links weitere, halbrunde Sortiertische, deren Form mit dem Umriß des vorderen Tisches korrespondiert. Das Leuchtband in der Mitte hingegen mündet in einem rechteckigen Tisch, auf dem die Eier für den Verkauf zusammengestellt werden. Fast scheint es, als würde die für einen zügigen Arbeitsablauf notwendige Ordnung durch den im Bild betonten spielerisch-leichten Wechsel von geraden und kurvigen Elementen wieder aufgehoben und durch die Gestalten der Arbeiterinnen noch weiter belebt. Deren Positionen sind zwar durch den Arbeitsablauf festgelegt und können vom Fotografen nicht beeinflusst werden, will man die dokumentarische Aussage des Bildes nicht verfälschen. Dennoch wirken sie locker, in verschiedenen Positionen stehend oder sitzend, um den Arbeitstisch verteilt. Ihre weißen Kittel, zum Teil durch dunkle Schürzen verdeckt, bilden ein Gegengewicht zu dem durch die Aufsicht stark flächig wirkenden Verteilertisch im Vordergrund. Mit den wenigen beschriebenen Mitteln ist Werner Mantz eine Aufnahme gelungenen, die produktive Ordnung und gestalterischen Rhythmus miteinander vereint und die Nüchternheit der Arbeitswelt in eine bildnerisch gestaltete Ebene hebt.

R. Neu-Kock