Der Funktionalismus in Schweden - Ein Cocktailshaker von Sylvia Stave

Bild der 19. Woche - 8. bis 14. Mai 2006

Sylvia Stave für Carl Gustav Hallberg, Stockholm, Cocktailshaker, um 1935, Alpaka versilbert, spanisches Rohr, Höhe: 18 cm, Durchmesser: 13,2 cm, Köln, Museum für Angewandte Kunst, Inv. Nr. H 1620w
Sylvia Stave für Carl Gustav Hallberg, Stockholm, Cocktailshaker, um 1935

1930 antwortete die erst 22-jährige Sylvia Stave (1908-1994) auf eine Zeitungsannonce der Gold- und Silberschmiede Hallberg, die eine Zeichnerin suchte. Sie wurde angestellt und avancierte bald zur Leiterin der Designabteilung. Ihre Entwürfe wurden vorwiegend in Silber-, Zinn und Alpaka ausgeführt. Neben der für den Funktionalismus bedeutenden Stockholm-Ausstellung 1930 nahm sie 1937 an der Weltausstellung in Paris teil. 1940 übersiedelte sie auf Dauer dorthin und gab nach der Heirat mit René Agid ihre künstlerische Laufbahn auf. Der hier exemplarisch für Staves Werk vorgestellte Cocktailshaker ist über flachem Standring geformt. Die bauchige Wandung schließt mit einem hoch angesetzten zylindrischen Ausguß ab. Der bogenförmige Henkel ist mit naturfarbenem sowie grün eingefärbtem spanischen Rohr umflochten. Der flache Einsatzdeckel des Ein- und Ausgusses wird von einem schmalen, rechteckigen Knauf bekrönt. Bewußt arbeitet Sylvia Stave mit geometrischen Grundformen, auf zusätzliches Dekor verzichtete sie, allein aus dem Produktionsprozeß entwickelte sie den Cocktailshaker. Ähnlich wie bei den neuen Techniken und Materialien in der Architektur, hier sei an Stahlbeton erinnert, vollzieht sich Mitte der 20er Jahre bei der Herstellung von Metallarbeiten ein radikaler Wandel. Bereits im 19. Jahrhundert hatte man die Technik des Drückens zur Vereinfachung bei seriellen Objekten angewendet, doch war ihre technische Ausgereiftheit noch unzureichend. Die einfache und sachlichen Ästhetik, die durch die maschinelle Herstellung entstand, wurde im Zeitalter der Industrialisierung bis in das beginnende 20. Jahrhundert noch nicht als eigenständiger Stil betrachtet. Der Cocktailshaker ist mit seiner kugeligen Wandung auf der Drückbank ohne großen handwerklichen Einsatz produziert worden. Der technische Vorgang des Drückens erfolgt in verschiedenen Arbeitsschritten. Mittels einer geformten Holz- oder Metallmodel, die an einem rotierenden Spindelstock befestigt ist, wird die zu drückende Metallplatte (Ronde) vor die Drückform eingespannt und mittels verschiedener Metallstäbe (Dreh- und Drückstähle) gegen die rotierende Model gedrückt. Die Rationalisierung des Produktionsvorganges ermöglichte eine Herstellung in großer Stückzahl, schränkte aber das Formenrepertoire stark ein. Charakteristisches Kennzeichen des Drückens ist die glatte Oberfläche mit feinen Rillen, die nach dem Schmirgeln und Polieren verschwinden. Das für getriebene und unpolierte Objekte typische Martelé (Hammerspuren), das die Oberfläche in viele Facetten aufteilte und damit die Spiegelung des Lichtes brach, entfällt ganz, so daß die stereometrischen Formen des Funktionalismus noch sachlicher und klarer erscheinen (s. Detail rechts). Erst mit einer höheren Akzeptanz gegenüber industriellen Serienprodukten bei den Kunden wurde in Skandinavien seit Mitte der 20er Jahre die Grundlage für den Funktionalismus geschaffen. Verglichen werden kann Sylvia Staves sachliche sowie auf geometrische Grundformen reduzierte Formensprache mit Entwürfen von Marianne Brandt, die von 1924 bis 1929 am Bauhaus in Dessau tätig war. Arbeiten von Wolfgang Tümpel (1903-1978) und Hans Pryzembel (1900-1945), die in der Metallwerkstatt mitwirkten, erscheinen ebenfalls in der neuen und klaren Formensprache des Funktionalismus.

M. Damm