Stollwerck vor 25 Jahren - zwischen Besetzung und Kulturzentrum

Bild der 21. Woche - 23. bis 29. Mai 2005

Räumung des Stollwerck-Geländes am 6. Juli 1980. Foto von Annette Frick, 1980. Kölnisches Stadtmuseum – Graphische Sammlung

Das „Stollwerck“ – damit war im Köln der 1980er Jahre nicht das Familienunternehmen gleichen Namens gemeint, sondern die ehemaligen Fabrikationsanlagen der Stollwerck AG unweit der Severinskirche, wo sich für fast ein Jahrzehnt eine bunte kulturelle Szene etabliert hatte. Nachdem 1971 Hans Imhoff das marode Unternehmen übernommen hatte, beschloß er eine Modernisierung der Produktionsanlagen und deren Verlagerung nach Porz, wo von 1975 bis 2005 produziert wurde. Um die Anlagen in der Südstadt entbrannte ein heftiger Streit. Das Gelände hatte der Immobilienspekulant Dr. Detlev Renatus Rüger aufgekauft, von dem die Stadt es zu dem hohen Preis von 50 Mio. DM (25,5 Mio. EURO) erwarb, denn man hatte das Stollwerck-Gelände mittlerweile zum Sanierungsgebiet erklärt. Eine örtliche Bürgerinitiative, die BISA, kämpfte um den Erhalt und die Umnutzung der Gebäude zu kostengünstigem Wohnraum, um die Bewohnerstruktur im Viertel zu erhalten. So wurde Ende April 1980 eine Musterwohnung in den Fabrikhallen fertig gestellt. Die Stadt Köln hingegen plante eine Totalsanierung, um eine Aufwertung der südlichen Altstadt zu erreichen. Am 20. Mai 1980 zogen nach einer Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses, in der dieser sich für den Abriß der Stollwerck-Gebäude in der Kölner Südstadt aussprach, 300 Demonstranten vom Rathaus zur Fabrik, das Stollwerck-Gelände wurde besetzt. Die Zahl der Besetzer und der Unterstützer schwoll rasch an, die Bagger rollten am nächsten Tag an - und wieder ab. In den folgenden Verhandlungen einigten sich Besetzer und Stadt Köln auf Erhalt und Sanierung. Nach einem letzten Frühstück der Besetzer vor dem Werkstor rückten am 6. Juli dennoch sechs Hundertschaften Polizei an, um das Gelände zu räumen. Viele der vornehmlich jungen Besetzer und Besetzerinnen gingen mit Tränen. Am nächsten Tag erfolgten die ersten Sprengungen auf dem Gelände. Ein Begriff wurde „das Stollwerck“ wegen seiner enormen kulturellen Ausstrahlung. Im September 1981 wurde ein autonomes Kulturzentrum eingerichtet, betrieben von den Vereinen „Palazzo Schoko“ und „Regenbogenhaus“. Die ausufernde Anarchie der äußerst heterogenen Nutzerszene lähmte aber das selbstverwaltete Kulturzentrum, das nach zwei Jahren zu Ende war. Bis 1987 schlug hier das kulturelle Herz der Stadt. Im April 1987 feierten im „Finale Fanale“ Hunderte Abschied vom „Stollwerck“. Dann wurden Maschinenhalle und Annosaal abgerissen, der sogenannte Anno-Riegel wurde umgenutzt, das restliche Gelände neu bebaut.

R. Wagner