Erfüllungsgehilfen

Bild der 10. Woche - 21. bis 27. März 2005

(s.a. unten links) Ausschnitt aus: Der kleine Kalvarienberg - Meister der Heiligen Veronika, um 1400, Eichenholz, 50,5 x 37,5 cm, Wallraf-Richartz-Museum, Köln, WRM 11unten rechts: Ausschnitt aus: Stefan Lochner - Weltgericht, um 1435, Eichenholz, 124 x 172 cm, Wallraf-Richartz-Museum, Köln, Unten Mitte: Ausschnitt aus: Das Leben Christi in 27 Bildern, Kölnisch um 1380/90, Tannenholz, 74 x 93 cm, Wallraf-Richartz-Museum, Köln, WRM 6WRM 66

Nachdem nun die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie sein Obergewand, machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen Teil, dazu den Leibrock. Der Leibrock aber war ohne Naht von oben an im ganzen gewebt. Und sie sagten zueinander: "Wir wollen ihn nicht zerschneiden, sondern um ihn losen, wem er gehören soll." So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt: Sie teilten meine Kleider unter sich, und über mein Gewand warfen sie das Los (Psalm 22,19). Mit diesen Worten schildert der Evangelist Johannes (Johannes 19,23f.) die hier gezeigte Szene, welche vom sogenannten Meister der Heiligen Veronika in die Darstellung der Kreuzigung Christi eingegliedert wurde (s. gesamtes Bild unten links). Während der Maler die dargestellten Soldaten um das auf dem Boden ausgebreitete Gewand würfeln läßt, sprechen sowohl Johannes als auch die anderen Evangelisten nur vom Losen. Historisch gesehen benutzten die römischen Soldaten zum Losen jedoch nicht das Würfeln, sondern das Morraspiel: Zwei Spielende streckten eine beliebige Anzahl Finger aus und mußten gleichzeitig die Summe der von beiden ausgestreckten Finger erraten und ausrufen. Die hier gezeigte Darstellung der würfelnden Soldaten war dennoch keine eigenmächtige Erfindung des Malers. Bei seiner Arbeit griff er auf eine bereits bestehende Tradition in der Malerei zurück. Die Würfel gehörten um 1400, dem Entstehungsdatum dieser Kreuzigungsdarstellung, vermutlich seit etwa 100 Jahren zu den Arma Christi, d. h. zu den das Leiden Christi symbolisierenden Werkzeugen der Kreuzigung (s. Ausschnitt unten Mitte). Sicherlich hat zur Darstellung des Würfelns beigetragen, daß dieses bereits im Altertum weit verbreitete Spiel zu den reinen Glücksspielen zählte, damit einerseits für das Losen geeignet war, andererseits jedoch auch einen negativen Ruf hatte, welcher zu den Soldaten der Kreuzigung paßte. Nach Griechen und Römern waren es den Berichten des Tacitus zufolge vor allem die Germanen, welche sich mit dem exzessiven Würfelspiel um Hab und Gut brachten. Von kirchlicher und weltlicher Seite immer wieder neu verboten, gehörte das Werfen der Würfeln noch im Mittelalter zum beliebten Zeitvertreib. Hier war es vor allem die große Leidenschaft der Landsknechte. Die dargestellten Soldaten waren jedoch aus der Sicht des Mittelalters sozusagen römische Landsknechte. Die Bildsprache dieser Darstellungsform setzte so die Würfel ein, um die Henker Christi als böse Menschen zu charakterisieren. Es waren dem Glücksspiel ergebene, räuberische und mörderische Soldaten. Wohin Würfelspiel führt, zeigte wenige Jahre nach unserem Meister der Maler Stefan Lochner in seinem Weltgericht (Ausschnitt unten rechts): dem Spieler sind die drei Würfel aus der Hand gefallen, als der Teufeln ihn ergriff, um ihn in den Höllenschlund zu tragen. Neben den praktischen und moralischen Aspekten hat das Losen um das Gewand Christi noch eine theologische Dimension, welche drei der vier Evangelisten besonders betonen: Es stellt die Erfüllung einer Weissagung dar, welche im 21. Psalm ausgesprochen wurde. In diesem Text ruft der von allen Verlassene in seiner Todesnot zu Gott. Zusätzlich werden die ersten Worte dieses Psalms von Christus am Kreuz zitiert: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Mit dem Hinweis auf diesen Psalm, machen die Evangelisten deutlich, daß Christus der im Alten Testament angekündigte Messias ist. Indem die Soldaten in räuberischer Absicht und mit den Mitteln des moralisch verwerflichen Glücksspiel das Gewand verlosen, bestätigen Sie die alte Weissagung und legen unbeabsichtigt Zeugnis für das Messias-Sein Jesu ab. Macht man sich diese theologische Bedeutung der Soldaten bewußt, so wird beim Blick auf die gesamte Kreuzigungsdarstellung des Meisters der Heiligen Veronika (s. Bild unten links) deutlich, daß der Maler vier Gruppen fast streng symmetrisch um das Kreuz Christi angeordnet hat, welche Zeugnis für Christus ablegen: · Die Mutter Maria unten links weist darauf hin, daß Christus wirklich Mensch war. · Longinus mit der Lanze an der Seite Christi macht deutlich, daß Christus wirklich starb und nicht nur als Scheintoter wieder auferstand. · Der Hauptmann oben rechts bekennt im Spruchband: Dieser war wirklich Gottes Sohn (Matthäus 27,54). und · die Soldaten erfüllen die Weissagung des auf den Messias weisenden Textes aus dem Alten Testaments.

T. Nagel