Maria und der Hl. Geist

Bild der 20. Woche - 16. bis 22. Mai 2005

links: Meister der Antwerpener Anbetung, Pfingsten, Bildfeld eines Triptychons, erstes Viertel des 16. Jhs., Holz, 77 cm breit rechts oben: Art des Meister des Heisterbacher Altars, Pfingsten, Tafel eines Triptychons, um 1450, Eichenholz, 77,6-7 x 42,9-43,3 cm rechts unten: Kölnisch, um 1330, Pfingsten, Bildfeld eines Triptychons, Eichenholz, ca. 32 x 24 cm. Wallraf-Richartz-Museum – Fondation Corboud, WRM 0439, 0080, 0001
Art des Meister des Heisterbacher Altars, Pfingsten, Tafel eines Triptychons, um 1450, Eichenholz, 77,6-7 x 42,9-43,3 cm. Wallraf-Richartz-Museum – Fondation Corboud, WRM 0080
Kölnisch, um 1330, Pfingsten, Bildfeld eines Triptychons, Eichenholz, ca. 32 x 24 cm, Wallraf-Richartz-Museum – Fondation Corboud, WRM 0001

Das die Darstellung des Pfingst-Ereignisses auch ein Marien-Thema ist, also eine entscheidende Episode im Leben der Gottesmutter, wird offensichtlich, wenn man einmal mehrere malerische Darstellungen des Pfingstfestes nebeneinanderstellt. Nun fallen die Übereinstimmungen der Darstellungstradition besonders ins Auge. Selbstverständlich ist die Herabkunft des Hl. Geistes in Form von Flammen auf die Anwesenden Hauptgegenstand des jeweiligen Bildes, jedoch nimmt Maria fast ausnahmslos eine zentrale Position ein: Entweder findet man sie im Zentrum der um sie versammelten Apostel, oder sie ist zumindest so ins Bild gesetzt, daß sie kompositorisch die Hauptperson darstellt. Die nur knappe textliche Grundlage für die Darstellung des Pfingst-Ereignisses findet man im 2. Kapitel der Apostelgeschichte (2,1-4): Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen; und sie wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an, zu predigen mit anderen Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen. Maria wird hier an keiner Stelle erwähnt. Was ist dann die Quelle für die zentrale Bedeutung der Mariendarstellung in den Pfingstbilder? Mit der Kreuzigung scheint der biblische Bericht zu Mariens Leben beendet zu sein. Ihre Aufgabe als Mutter ist mit dem Tod ihres Sohnes zu einem Ende gekommen. In den Berichten über die Erscheinungen des Auferstandenen taucht sie nicht auf. Die Apostelgeschichte, die mit dem Bericht der Himmelfahrt Christi beginnt, schildert - bevor sie Pfingsten beschreibt - die neue Aufgabe Mariens: Nach der Himmelfahrt scharen sich die Apostel „einmütig mit Beten und Flehen“ um Maria (Apg 1, 14). Sie wird zum Mittelpunkt der jungen Gemeinschaft, die sich zur Kirche entwickelt. Theologisch gesehen wird Pfingsten zum Gründungstag der Kirche. Parallel dazu kann vielfach die zentrale Position Mariens in den Gemälden auch als Personifizierung der „Kirche“ (ecclesia) interpretiert werden. Alle drei hier, im gleichen Maßstab zueinander gezeigten Gemälde sind Teile eines größeren Altarzusammenhanges (s. auch Einzelbilder rechts). Der kleine Ausschnitt unten rechts ist einem Altarflügel aus der Zeit um 1330 entnommen, das Bild darüber ist die Tafel eines um 1450 gemalten Altares mit Szenen aus Leben Christi und Mariens. Das große Bild links ist Außenseite eines Altarflügels und gehört mit einer Reihe weiterer Szene aus der öffentlichen Wirken Christi zu einem Altar, der vermutlich ein geschnitztes Mittelstück besessen hat.

T. Nagel