Liebevolle Mutter

Bild der 9. Woche - 28. Februar bis 6. März 2005

Julius Schnorr von Carolsfeld, Maria mit dem Kind, 1820, Leinwand, 74 x 62 cm, Wallraf-Richartz-Museum-Fondation Corboud, WRM 1112

In der Kunst des 19. Jhdts., das so reich an verschiedenen, weit auseinanderdriftenden, Kunstströmungen war, gab es auch solche, die sich intensiv auf vergangene Zeiten bezogen. Die Madonna mit dem Kind von Julius Schnorr von Carolsfeld sieht auf den ersten Blick aus wie ein Bild der italienischen Renaissance. Die Madonna sitzt vor einer Landschaft und wendet sich liebevoll ihrem Sohn zu. Ihr Kleid und Mantel haben leuchtende Farben, das Gesicht wirkt harmonisch, die Hände zart und feingliedrig. Das Kind steht auf ihrem Schoß und liebkost seine Mutter. Derartige Madonnenbilder sind uns von Renaissancekünstlern wie Fra Angelico oder Perugino bekannt. Sie haben das Motiv der liebevoll ihrem Sohn zugewandten Madonna oft gemalt. Auch die klaren Farben und die präzise Trennung der Formen sind typisch für die frühe italienische Renaissancemalerei. Julius Schnorr von Carolsfeld hat sich bewußt an diesen Vorbildern orientiert, weil sie seiner Meinung nach viel besser die fromme Andacht des Betrachters hervorrufen konnten, als ein bewegtes Barockgemälde oder die Darstellung einer antikischen Schönheit, wie sie die Klassizisten bevorzugten. Schnorr war mit dieser Auffassung nicht allein. 1809 hatte er sich in Wien mit gleichgesinnten Malern zum Lukasbund zusammengeschlossen, der im Gegensatz zu den Methoden und Kunstanschauungen der Kunstakademien stand. Ihnen erschien die an der Antike orientierte Suche nach der reinen Schönheit kalt und unwahr. Das Mittelalter hingegen sahen sie als Zeit der paradiesischen Unschuld an, die Altdeutsche Kunst eines Dürer und Cranach und besonders die frühe Italienische Kunst eines Fra Angelico oder Perugino waren für sie der unmittelbare Ausdruck einer Geisteshaltung, die Raum für Glauben und persönliche Gefühle ließ. Um die von ihnen bevorzugte Malweise intensiv studieren zu können, waren Sie nach Rom gezogen. Keineswegs aber muß man sich die Malerei des Lukasbundes als eine einfache Kopistentätigkeit vorstellen. Sie ließen sich zwar von der Malerei der Frührenaissance inspirieren, schufen aber eigene Kompositionen, oft auch große Historienbilder, die auf zeitgenössische Themen Bezug nahmen. Man nannte diese Künstlergruppe auch „Nazarener“. Bis heute ist nicht geklärt, ob dieser Name von der aus Raffaels Bildern bekannten Frisur mit langen, in der Mitte gescheitelten Haaren stammt, die viele der Künstler trugen, und die man „alla nazarena“ nannte, oder ob ihre stark christlich betonte Kunst ihnen den Namen einbrachte, der an Nazareth als Christi Geburtsstadt erinnert. Der Rückgriff auf ältere Kunststile war jedoch keineswegs problemlos, zumal sich die Kenntnisse über Komposition und Perspektive im Laufe der Zeit natürlich stark gewandelt hatten. Diese Künstler mit ihrer rückwärtsgewandten Kunstanschauung konnten sich auch nicht wirklich durchsetzen – denn die meisten Maler wollten sich stärker der Realität ihrer Zeit zuwenden. Sie begannen, das alltägliche Leben und die Flüchtigkeit der Wahrnehmung in ihren Werken zu thematisieren, was in der Kunst der Impressionisten gipfelt. So unterschiedlich viele der Strömungen der Kunst im 19. Jhdt. auch sein mögen, vielen ist gemein, daß sie sich gegen das starre Korsett, das die Akademien den Künstlern überstreifen wollten, wehrten.

K. Kwastek