Im Atelier des Künstlers erworben

Bild der 18. Woche - 2. bis 8. Mai 2005

Qi Baishi (1864-1957) Kakibaum, Kohl (links) und Orangen (rechts) Hängerollenpaar, Tusche und Farben auf Papier, 132 x 33 cm, China, um 1926, Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. A 55,44 und A 55, 45

ein Hängerollenpaar von Qi Baishi Mitte November 1925 konnte Professor Otto Fischer, der damalige Direktor des Museums der Bildenden Künste in Stuttgart, zu einer einjährigen Studienreise in den fernen Osten aufbrechen. Seine ausführlichen Reisetagebücher veröffentlichte er in „Wanderfahrten eines Kunstfreundes in China und Japan„ kurz vor Ausbruch des 2. Weltkriegs 1939. Darin beschreibt er sehr eindrucksvoll seinen Besuch bei Qi Baishi: „Peking, 7. Juli [1926] ...Und noch eine weitere Begegnung mit der heutigen Malerei ward mir in diesen Tagen beschieden. Der Dichter Qbata führte mich, wie versprochen, zu dem Meister Tsih Pai-shih (heutige Umschrift: Qi Baishi), dessen Bilder ich schon bei ihm bewundert hatte. In einem armseligen Häuschen in abgelegener Gegend, das aus kaum mehr als einem Wohnraum bestand, fanden wir einen kleinen alten Mann von an die 70 Jahren unter einer Fülle von Bildern und Malgerät hausend, der uns bescheiden und freundlich willkommen hieß. Er zeigte uns seine Werke, die überall herumhingen, und ich war verblüfft von der Frische der Beobachtung, von der Kühnheit des sichersten Wurfs, mit der hängende Ranken, Früchte und Blüten, das Gewimmel von Krabben oder das Spiel von Fischen im Wasser auf die langen weißen Papierstreifen hingeworfen war. Dieser Maler bediente sich, ganz in der alten Seh- und Kompositionsweise geschult, mit unglaublicher Sicherheit des keck hinschleudernden Pinsels, aber er malt, was er vor Augen sieht, die ungewohntesten Vorwürfe aus der Natur herausgreifend, und er verbindet dem tiefen Schwarz der Tusche die feurigsten Farben: Rostrot, Orange, Braun u. dgl., so daß die Bilder im höchsten Grade modern berühren. Und mit welchem rhythmischen Gefühl war hier die Fülle der Erscheinung zur Einheit des geformten, des beglückenden Bildes gestaltet! Ich suchte mir einige Bilder aus, die der Maler zu lächerlich geringen Preisen anbot, und hätte gerne noch viel mehr mitnehmen mögen. Darauf wollte er zur Erinnerung mir etwas malen, wählte das Papier zu einem Faltfächer aus und warf mit verblüffender Behendigkeit aus dem Kopf ein Gewirr von Zweigen und Blättern darauf, das er dann mit ein paar breiten goldgelben Flecken zu einem Bild hängender Orangen vollendete. Aber der Fächer war noch nicht fertig, die Rückseite sollte auch noch eine Schrift erhalten, und Tsih Pai-shih schrieb nach einigem Besinnen mit sicherflüssigen Zeichen ein paar Verse eines chinesischen Dichters und eine Widmung an mich selber darauf. Mit diesem reizenden Geschenk und den erworbenen Bildern verließ ich sehr beglückt den armen alten, aber in der fruchtbaren Fülle seiner unerschöpflichen Kunst so reich und zufriedenen Meister. Und ich wußte: Auch in der Malerei ist der alte chinesische Genius noch heute so groß und schaffend wie je, er ist nie gestorben und wird immer weiter sich offenbaren.„ Bei dem bescheidenen alten Maler handelte es sich um niemand Geringeren als einem der bedeutendsten Meister der chinesischen Tuschmalerei des 20. Jahrhunderts, der selbst von den Kommunisten hoch verehrt wurde. Als Bauernsohn hatte Qi Baishi (1864-1957) eine Ausbildung zum Tischler und Holzschnitter erhalten. Er brachte sich anfänglich selbst Malen bei, indem er die Motive des "Mallehrbuch vom Senfkorngarten" kopierte. Seine eigentliche Ausbildung in der Malerei erhielt Qi erst mit 25 Jahren. Hu Qingyuan, ein zu regionaler Bekanntheit gelangter Maler, leitete ihn zu feiner Darstellungsweise in exakter Pinseltechnik (gongbi) an. Der endgültige Durchbruch als international anerkannter Künstler gelang ihm 1922, als seine Werke in einer Sino-Japanischen Ausstellung gezeigt wurden. Von dieser Zeit an nahm sein Ruhm auch in der Heimat rasch zu. Schon zu seinen Lebzeiten waren mehr Fälschungen als Originale von Qi Baishis Werken im Umlauf. Der Kauf beim Künstler selbst kann daher als unbedingtes Echtheitszertifikat dieser Bilder angesehen werden und gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das Hängerollenpaar, das Professor Fischer bei der Gelegenheit kaufte, zeigt Qi Baishis reifen Malstil und ist in der Ausstellung "Den Himmel in der Pinselspitze: Moderne chinesische Malerei des 20. Jahrhunderts" noch bis zum 25. September zu sehen.

B. Clever