Weckruf zu Beginn des Neuen Jahres

Bild der 6. Woche - 7. bis 13. Februar 2005

Übermantel (Uchikake) zum Hochzeitsgewand einer Dame, Seide mit farbiger Seiden-und Goldlahnstickerei in Plattstich und Anlegetechnik, Wattierung im Saum, L 167 cm, B 125,2 cm, Japan, Shôwa-Zeit, um 1969, Museum für Ostasiatische Kunst Inv.Nr. L71,5
Detail aus dem Hauptbild

Das chinesische Neujahrsfest richtet sich nach dem Mondkalender. Sein Datum wird nach dem ersten Frühlingsneumond bestimmt, der dieses Jahr auf den 9. Februar fällt. Dann beginnt das Jahr des Hahns, welches auf das Jahr des Affen folgt ( s. Bild der 4. Woche 2004), denn die zwölf chinesischen Tierkreiszeichen gelten nicht wie unsere für jeweils einen Monat, sondern für ein ganzes Jahr. Der Hahn gilt den Chinesen als ein besonders wahrheitsliebendes Tier, der sich durch sein stolzes "Hinauskrähen" der Wahrheit allerdings so manche Feinde schafft. Er ist äußerst zielstrebig und weiß genau, was er will. Sein Machtstreben und sein Hang zu Wahrheit und Ordnung bringen ihn dazu, das Chaos, welches das Jahr des kreativen aber oberflächlichen Affen ihm hinterlassen hat, wieder in den Griff zu bekommen. Dabei können ihm sein Stolz und die damit verbundene Neigung zur Überheblichkeit allerdings hinderlich sein, zumal er andere unerbittlich auf ihre Fehler hinweist. Das Bild zeigt einen japanischen Uchikake (Kimono-Mantel) für eine Braut, der aus weißem Seidendamast gefertigt wurde. Er ist reich mit gefärbter Seide und Goldlahnfäden in hohem Relief bestickt. Die hierbei verwendete Plattstichtechnik sowie die Anlegetechnik sind sehr sorgfältig ausgeführt und ergänzen von ihrer Anordnung das Damastmuster des Untergrunds. Eine typisch japanische Eigenheit zeigt die Stichtechnik, in der Kirschblüten im oberen Teil des Uchikake ausgeführt sind. Die kleinen Quadrate mit dem Loch in der Mitte ahmen das gedruckte Abbild der Abbinde-Färbetechnik Shibori nach. Dargestellt ist eine Art Gartenszenerie, erkennbar an dem zwischen Pfosten gespannten Tuch, welches von Adligen als Sichtschutz für draußen benutzt wurde. Die Pflanzen repräsentieren die vier Jahreszeiten mit Kirschblüten und Paulownia (jap. Kiri) für den Frühling, Rispenfarn für den Sommer, Chrysanthemen für den Herbst, Kiefer und Bambus für den Winter. Der Hauptdekor auf der unteren Hälfte des Rückenteils zeigt einen Hahn und eine Henne auf einer chiesischen Trommel. Die Trommel besteht aus einem hölzernen Bauch, ihr Fell ist mit einem gemalten Drachen verziert, der allerdings durch die Chrysanthemen halb verdeckt wird. Mit solchen Trommeln wurden in den Dörfern Versammlungen einberufen, die meist negativen Inhalts waren, wie zum Beispiel der Aufruf zur Heerschau für einen Krieg. In friedlichen Zeiten wurden die Trommeln nicht benötigt und „landeten auf dem Mist“, wo nun Hahn und Henne darüber stolzieren konnten. So zeigt dieser Dekor den Wunsch nach Frieden an, was zu einer Hochzeit durchaus passend ist. Der Brautmantel ist sicherlich für eine Hochzeit im Jahr des Hahns angefertigt worden, was auf das Jahr 1957 oder 1969 hinweisen würde. Da er 1969 in einem Time-Life-Buch über japanische Küche abgebildet wurde, liegt eine Datierung für die Herstellung in den Jahren 1968/69 nahe.

J. Altmann