"Shopping victim"

Bild der 20. Woche - 19. bis 26. Mai 2003

Stiletto (Frank Schreiner), Consumer´s Rest, 1983 Stiletto Studios Berlin, limitierte Erstauflage Stahl verzinkt, Gummi-Rollen (Fa. Siegel, Leipheim) Köln, Museum für Angewandte Kunst, A 1779

Ein alltäglicher Gegenstand - ein Einkaufswagen - umfunktioniert zum Armlehnstuhl, der wie der Titel "Consumer´s Rest" erläutert, offenbar den Konsumenten zum Verweilen nach einer erschöpfenden Einkaufstour einlädt. Doch was soll das Ganze? Ein bissiger Hint auf die immer zahlreicher entstehenden Einkaufszentren und das damit verbundene Massenkonsumverhalten des Menschen? Ironische Selbstreflexion der Warenhäuser in Bezug auf ihre Kunden, die sich im Einkaufswagen ausruhend, strapaziert vom dem überfordernden Kaufangebot gleich selbst abtransportieren können? Oder einfach nur ein Gag, der sich aufgestellt gut in Werbeagenturen macht und durchaus auch im Museum seine Wertschätzung als Designobjekt erzielt? Der Einkaufswagen "Consumer´s Rest" löst sich vom banalen Gebrauchszweck einer massenhaft hergestellten Fabrikationsware, durch seine Aufstellung und Umfunktionierung, hin zum Designobjekt, das den Kunstkenner sofort an Marcel Duchamps "Ready-mades" wie etwa seinen "Flaschentrockner" (1915) oder das "Fahrrad-Rad" (1913) denken läßt. Stiletto´s Anliegen ist nicht das Verbessern eines Produktes, vielmehr bedient er sich Altbekanntem, um dieses nach seinen Vorstellungen zu verändern. Hierbei wird von Gegenständen ausgegangen, die man auf den ersten Blick keineswegs mit dem Schlagwort "Design" verbinden würde - so dienen Kaufhäuser, Supermärkte, Schrottplätze oder Baumärkte als Quelle der Inspiration, sowie der Materialfindung. Der Designer, der sich seit 1981 auch mit experimenteller Grafik und Kunst beschäftigt, bezeichnet sich selbst als Designpraktiker und sieht in seinen Möbeln folgende Philosophie: "Sie sollen klar sein im Aufbau, industriell reell, funktionsgerecht Längemalbreitemalwirbelsäule, stabil und solide, serienproduziert. Diese Bedingungen lassen sich für mich am einfachsten erfüllen, wenn ich als Ausgangsmaterial Behälter aus dem alltäglichen Konsumgüterkreis benutze... Redesign hat hier weniger mit Recycling, mehr mit Rebirthing zu tun. Die Gestaltung ist Seele und Charakter, kein ‚Verpackungsdesign´ " Tatsächlich ist dieser Einkaufswagen auch das Resultat einer Kleinserie, die in der Produktion einer bekannten Einkaufswagenfirma einfach mithergestellt wurde, seit 1990 auch in der Kleinversion "Short Rest" für Kinder. Also nun sogar selbst ein weiteres Konsumobjekt, das zum Kauf verlocken soll? Wohl kaum. Das Designobjekt wurde in einer einmaligen Auflage von 100 Exemplaren hergestellt und ist für "Otto Normalverbraucher" somit nicht wirklich erschwinglich. Stiletto erlaubt sich wohl eher einen sarkastischen Kommentar, in einer vom Konsumrausch beschwingten Welt der 80er Jahre, bei denen uns überladene Wohnungen in den Sinn kommen, durch die ein Hauch von Miami Vice, Coca Cola und Las Vegas weht, Pseudo-Designermöbel aus Massenproduktionsstätten das Wohnzimmer schmücken und Dekoplunder dezent in den quergemischt dekorierten Zimmern mit bunten Spotlampen inszeniert werden. Welcher Verbraucher würde sich hier also nicht auch gern ein kleines Päuschen gönnen?

K. Laube