Die Schrecken des Krieges (Los Desastres de la Guerra)

Bild der 12. Woche - 24. bis 31. März 2003

Francisco Goya: "No hay quien los socorra" (Es gibt niemanden, der ihnen helfen könnte), aus den "Desastres de la Guerra" 1810-12, Radierung, polierte Aquatinta, Grabstichel und Polierstahl Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, Graphische Sammlung, Inv.-Nr. 25599, 13,0 x 18,0 cm (Motiv)

Es gibt niemanden, der ihnen helfen könnte (No hay quien los socorra) Mit dem heutigen Bild der Woche wird die Serie zu einem Selbstbildnis Lovis Corinths aus aktuellem Anlaß unterbrochen. Nicht nur Nachrichten des Schreckens sondern auch Bilder von den Grausamkeiten des Krieges stehen uns vor Augen und unsere Phantasie reicht nicht aus, um uns das, was nicht gezeigt wird, auszumalen. "Sind Sie in den Irak gekommen, um Iraker zu töten?" wurde der junge gefangene Soldat vor laufender Kamera gefragt. Wer würde hier in seiner Angst nicht "Nein" antworten? Was würde sich zeigen, wenn man alle Angst und Verzweiflung, die es in diesem Krieg auf allen Seiten gibt, bündeln könnte? Die Angst der Angegriffenen, die Angst der Angreifer, die Verzweiflung der Eltern, die der Kinder, die der Angehörigen, … In seiner Graphikfolge der "Desastres" brachte Francisco Goya diese bedrängenden Gefühle gegenüber dem Krieg in unterschiedlichster Form zum Ausdruck. So wird in diesem Blatt die absolute Verlassenheit der ihrem Schicksal ausgelieferten Kreatur eindringlich in Szene gesetzt: Inmitten von Leichen zwei zentrale Gestalten, eine in einen dunklen Umhang gehüllt, die andere ihr Gesicht mit dem Aufschrei der Hilflosigkeit und des Entsetzens in der Hand bergend. Sie durchbrechen als einzige die vertikale Linie des Horizonts und werden gleichzeitig von einem hellen Lichtschein umfangen ,…. … einem Lichtschein, wie wir ihn auch aus aktuellen Bilder kennen. Die ersten Arbeiten Francisco Goyas (1746 - 1828) an den Desastres sind für 1810 nachgewiesen. Später ergänzte er die Folge um Darstellungen der Hungersnot von 1811/12 und politische und gesellschaftliche Themen der Restaurationszeit. Aus der thematischen Vielfalt ergab sich jetzt ein mehrteiliges und uneinheitliches Gesamtbild. Aus korrigierten Numerierungen geht hervor, daß Goya die Reihenfolge und somit die Gesamtkomposition der Desastres mehrfach verändert hat. War er der Uneinheitlichkeit des Gesamtbildes bewußt? Vielleicht war dies einer der Gründe, warum die Desastres nicht mehr zu seinen Lebzeiten, sondern erst 1863 in einer offizielle Auflage erschienen. Weitere Auflagen der mittlerweile verstählten Platten folgten bis weit ins 20. Jahrhundert.

T. NagelO. Mextorf