Lovis Corinth en détail... (3)

Bild der 14. Woche - 7. bis 14. April 2003

Lovis Corinth links: Selbstporträt im Atelier, 1914 Öl auf Holz, 73 x58 cm München, Staatsgalerie moderne Kunst rechts: Selbstbildnis im weißen Kittel, 1918 Öl auf Leinwand, 105 x 80 cm Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, WRM 2368
Lovis Corinth, Der geblendete Simson, 1912, Öl auf Leinwand, 130 x 105 cm, Berlin, Nationalgalerie

Das Jahr 1911, das gleiche Jahr, in dem sich Lovis Corinth selbstbewußt in der Rolle des Fahnenträgers malte (s. Folge 2 dieser Serie), sollte auch zu einem Wendepunkt in seinem Leben werden: Im Dezember erlitt Corinth einen Schlaganfall, der ihn schwer erschütterte. Die Folgen des Schlages sind so schwer, daß er fast ein Jahr nicht mehr malen kann. Die Nähe eines tödlichen Verlaufs spürend, gelobt Corinth seinen Lebenswandel zu ändern und dem Alkohol zu entsagen. Bildlich verarbeitet der Maler die Erfahrung des Schlaganfalls 1912 in dem Selbstporträt als geblendeter Simson (s. kleines Bild rechts). Diese Erzählung des Alten Testaments berichtet vom starken Simson, der das Geheimnis seiner Kraft, seine langen Haare, der schönen Dalila anvertraut. Diese jedoch verrät ihn. Und als Simson in ihren Armen schläft, kommen seine Gegner, schneiden die Haare ab, überwinden ihn so und blenden ihn. Corinth tastet sich hier blind und unsicher durch den Raum. Der ehemalige Kraftmensch ist verletzt, hilflos und gebunden. Drei Jahre später geht es Corinth wieder besser: Das Bild oben links, ein Selbstporträt von 1914, zeigt ihn trotzig, fast mürrisch vor der Staffelei. Im Vergleich mit dem Selbstporträt rechts, welches vier Jahre später, 1918, entstehen wird, fällt diese Haltung besonders deutlich auf. Die Armbewegung deutet einen härteren Pinselstrich an. Der Maler selbst hat eine größere räumliche aber auch innere Distanz zum Betrachter. Die spitzen, ungeordneten Haare unterstützen diesen Ausdruck. Die Wangen des Malers sind gerötet. Mitten auf der Palette hebt sich das Rot herzförmig hervor. Überhaupt weist das Bild eine völlig andere Farbigkeit auf, als das Gemälde von 1918. Die Farbtöne, Rot, Grün, Blau und Weiß sind dunkler und kühler. Sie unterstützen die fast aggressive Stimmung. Hier bäumt sich der gegenüber den ersten Porträts (s. erste Folge der Serie) deutlich schmäler gewordene Corinth gegen die Krankheit auf.

T. Nagel