Lovis Corinth en détail... (1)

Bild der 10. Woche - 10. bis 17. März 2003

Lovis Corinth Selbstbildnis im weißen Kittel, 1918 Öl auf Leinwand, 105 x 80 cm Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, WRM 2368
Lovis Corinth, Selbstporträt mit Skelett, 1896 Öl auf Leinwand, 66 x 86 cm Städtische Galerie im Lenbachhaus, München

Daß es sich bei diesem Gemälde um das Selbstbildnis eines Malers handelt, wird dem Betrachter beim ersten Blick klar: Der prüfende Blick aus dem Bild (in den zum Malen des Selbstporträts notwendigen Spiegel), die Farbpalette in der Hand, die "Linkshändigkeit" des Malers (durch die spiegelverkehrte Darstellung), die aus dem Bild verschwindende Leinwand, die weiteren Bilder im Hintergrund. Hier stellt sich ein Maler in seinem Atelier selbst da. Selbstbildnisse sind selten Auftragsarbeiten. Wenn man daher danach forscht, warum sich ein Maler dargestellt hat, so trifft man oft auf interessante Aspekte aus dem Leben des betreffenden Künstlers. Bei unserem Bild wird dies bereits an der deutlich sichtbaren Signatur links oben offenbar: Lovis Corinth / 1918 / LX. Der Maler Lovis Corinth malte dieses Bild demnach im Jahre 1918, in dem Jahr, in welchem der 1858 in Tapiau in Ostpreußen Geborene 60 Jahre alt wurde. Dies ist unter der Signatur in großen Buchstaben als römische Zahl dargestellt. Wir haben es hier mit einem der sogenannten "Geburtstagsbilder" zu tun. Vermutlich seit 1896, also mit 38 Jahren, malte Corinth jedes Jahr um den 21. Juli herum, dem Tag seines Geburtstages, ein Selbstporträt. Nach der Serie Weltgericht en détail… soll mit diesem Bild eine weitere kleine Serie im Bild der Woche zu einem einzigen Kunstwerk beginnen. In den nächsten Folgen dieser Serie werden neben wichtigen Aspekten unseres Bildes auch einige dieser Geburtstagsbilder zur Sprache kommen, um mithilfe dieser das Leben und Schaffen Corinths Revue passieren zu lassen. Das vermutlich erste Geburtstagsbild (s. kleines Bild rechts) - wie erwähnt 1896 entstanden - zeigt Corinth mit dem oberen Teil eines Skeletts, das zu Studienzwecken diente. Durch die große Glasfläche der Eisenfenster fällt der Blick auf die Stadtsilhouette von München. Nachdem der Vater die Begabung des Sohnes erkannt hatte und ihn in Königsberg an der Akademie hatte studieren lassen, war Corinth 1880 nach München gewechselt. Nach Aufenthalten in Holland, Paris, Berlin und Königsberg zog es ihn 1891 wieder nach München. In diesem Bild von 1896 zeigt er sich in keiner Weise beschönigend und ebensowenig den Konvention entsprechend. Es ist Corinth mit schwerer Statur, feistem Gesicht, schütterem Haar und mit vom Alkohol gezeichneten Zügen. Sein Blick ist trotzig und wenig freudvoll. Die Signatur oben rechts ("Lovis Corinth, 38 J. a. 1896") erinnert dagegen mit ihrem "altmodischen" Rahmen an den Glanz barocker Gemälde.

T. Nagel