Wilde Männer und dämonische Kräfte

Bild der 18. Woche - 5. bis 12. Mai 2003

Wilder Mann, Köln, Ende 14. Jahrhundert Eiche, 30 x 26 x 9 cm Museum Schnütgen, Inv. Nr. A 47

Die "Wilden Leute" galten im Mittelalter als Symbol für den Urzustand der Menschen ohne gesellschaftliche Zwänge und im Einklang mit der Natur. In der höfischen Kunst des 14. Jahrhunderts wurden sie vielfach nur an Gesicht, Händen und Füßen unbehaart und sonst mit zotteligem Fell bewachsen dargestellt. Sie waren aber auch Bild für das Ausgeliefertsein an dämonische Kräfte, denen sie mit hilfloser Panik oder Resignation gegenüber standen. So ist dieser Rest einer ehemaligen Kampfszene zu verstehen, in der der wilde Mann die unterlegene Seite darstellte. Mit angstgeweitetem Blick wehrt er sich mit erhobenen Armen gegen ein Untier, das seine Klauen schon in Arm und Bein des Kauernden geschlagen hat; vielleicht war es der Satan persönlich, der oft in Gestalt eines Greifen dargestellt wurde. Verzapfungen und Sägespuren in der vollendeten Schnitzarbeit, die von Anfang an ohne farbige Fassung war, zeigen, daß der Wilde Mann mit seinem Gegenpart ursprünglich zur Bekrönung eines Chorgestühls gehörte. Der Stilcharakter des Werkes ist wieder ein Beweis für die weitreichenden Verbindungen, die im 14. Jahrhundert in Köln zusammenliefen: Nächst vergleichbar sind Arbeiten von Prager Hofkünstlern des späten 14. Jahrhunderts, dem Zentrum also, das schon seit den siebziger Jahren für die Kölner Kunst von Bedeutung war: Heinrich Parler, der Neffe des Prager Hofbildhauers Peter Parler, arbeitete in dieser Zeit am Petersportal des Kölner Domes.

C. Schumacher