Minjung-Jesus

Bild der 15. Woche - 14. bis 21. April 2003

Kim Pong-jun, Minjung-Jesus, Südkorea 1987 Holzschnitt, 36 x 26 cm Museum für Ostasiatische Kunst, Köln, Inv.-Nr. R_2002,21

Fast ein Drittel aller Südkoreaner sind Christen. Besonders in den unteren Gesellschaftsschichten, den Minjung, wurde das Christentum gegen Ende des 19. Jahrhunderts sehr populär, denn die Bibel verspricht die Gleichheit aller Menschen vor Gott. Auch betont sie die Liebe Gottes zu den Unterdrückten und Armen. Denkt man sich die Nägel, mit denen der Gekreuzigte an das Kreuz geheftet ist, weg, so erweckt die Darstellung den Eindruck eines mit ausgestreckten Armen auf den Betrachter zustürzenden, schreienden Menschen. Die Proportionen des Kopfes zum Körper sind ungewöhnlich - kindhaft - groß. Christus wirkt zwar jung, jedoch nicht kindlich. Die Proportionen weisen mit den großen Händen eher auf einen nach vorne auf den Betrachter zugebeugten Oberkörper. Diese Flucht vom Ort des Leidens wird durch die Nägel verhindert. Der Künstler dieses Holzschnittes, Kim Pong-jun, bezeichnet sich selbst als Nicht-Christen. Doch er sieht eine Parallele zwischen dem Leben Jesu und dem von Hunger und Not gekennzeichneten, entbehrungsreichen Leben vieler Menschen, die sich bedingungslos aufopfern und am Ende nichts weiter zu gewinnen, als den Tod. Der Künstler beschreibt seine Gedanken in einem Gedicht wie folgt: Als Sohn eines Schreiners geboren und im jungen Alter von dreißig Jahren Hast Du geliebt, wurdest verraten und starbst am Kreuz. Als Sohn eines Bauern geboren und bis zum jungen Alter von 30 Jahren Hast Du geliebt und hart gearbeitet Bis Du plötzlich in Inch'òn durch einen Unfall starbst. Es gibt auch hier viele Dummköpfe. Auf dem Blatt ist der im Gedicht beschriebene junge Koreaner als Repräsentant der vielen Arbeiter dargestellt, die während der südkoreanischen Spätindustrialisierung der 1970er und 1980er Jahre unter menschenunwürdigen Bedingungen lebten. Der Künstler möchte die Minjung an ihre Bürgerrechte erinnern und zur aktiven Teilnahme aufrufen: Lebt nicht nur, um zu arbeiten! Engagiert euch in der Demokratisierungsbewegung für eine bessere Welt! Dieses Blatt entstand, als sich in Südkorea die Demokratisierungsbewegung auf dem Höhepunkt befand, nämlich kurz vor der Olympiade 1988 in Seoul. Damals gingen Arbeiter und Bauern auf die Straßen, um für Gerechtigkeit und die Demokratisierung ihres Landes zu kämpfen. Die Südkoreaner konnten beachtliche Fortschritte erzielen: Ein ehemaliger Dissident, Kim Dae-jung, wurde sogar Präsident und bekam für sein Engagement den Friedensnobelpreis.

K. Stiller