Leichte Alkoholprobleme

Bild der 9. Woche - 3. bis 10. März 2003

Kanô Albert-Ernest Carrier-Belleuse, weinberauschte Putten, um 1880, roter Ton, 53 x 64 cm, Museum für Angewandte Kunst, Köln, Inv.-Nr. Ov 180 z 580 510 240 211 130 11

Die Gestik dieser vier kleinen Jungs ist ebenso eindeutig wie der Bodenbelag symbolträchtig: Sie sind voll des guten Weines. Während drei sich gegenseitig und besonders den mittleren stützend des Weges torkeln, hat sich der vierte wohl zur näheren Betrachtung der Weintrauben mehr oder weniger freiwillig zu Boden begeben. Ob die ausgestreckten Arme einer von rechts kommenden warnenden Stimme antworten oder "Kollegen" einen Abschiedsgruß zuwerfen, wird nicht ganz deutlich. Der Bewegungsdrang des Terzetts nach links, sozusagen aus dem Bild heraus, suggeriert jedoch, dass es dem Ende der Szene zu geht. Ikonographisch handelt es sich bei dieser Skulpturengruppe des späten 19. Jahrhunderts um einen Rückgriff auf antike mythologische Figuren: weinberauschte Putten. Putti, wie der Plural des italienischen Begriffes Puto (Kinder, Knaben) lautet, sind seit der Frührenaissance in der Kunst auftretende Kinderengel bzw. Amoretten oder Eroten, die ihr Vorbild in den antiken Begleitern des kindlichen Liebesgottes Eros bzw. Amor (mit Pfeil und Bogen) und des Weingottes Dionysos bzw. Bacchus hatten. Die Darstellung deutet auf keine konkrete Rahmenhandlung hin, man kann dem Geschehen keine konkrete mythologische Schilderung zuordnen. Unsere Szene scheint sich jedoch im Umfeld der Weinernte abzuspielen. Am Boden lassen sich Weintrauben sowie ein Korbgeflecht erkennen, welches auf Erntekörbe hinweist. Es ist also der junge Wein, der gerade zu gären beginnende Traubensaft, der unseren Jünglingen zugesetzt hat. Die Folgen des Alkoholgenusses werden daher auch eher durch eine positive Stimmung dargestellt. Es sind nicht die elend aussehenden oder sich übergebenden jungen "Alkoholleichen", die man im derzeitigen rheinischen Karneval immer wieder beobachten kann. Auf unsere Darstellung passt eher noch der Begriff "weinselig". Die in ungebranntem, roten Ton ausgeführte Figurengruppe stammt von dem französischen Künstler Albert-Ernest Carrier-Belleuse (1824 - 1887), der vor allem in der Porzellanmanufaktur in Sèvres bei Paris arbeitete. In der Tat erinnert vor allem die Glätte der Oberfläche bei diesem 1880 geschaffenen Werk an Arbeiten in Porzellan.

T. Nagel