Der Päonie begegnen

Bild der 11. Woche - 12. bis 19. März 2001

Maruyama Ôkyo (1733-1795), Junge Frau beim Betrachten von Päonien Tusche und Farben auf Seide, 88,3x34 cm Japan, Edo-Zeit, 2. Hälfte 18. Jh. Geschenk des Baron Mitsui Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. A 65,1
 

Ganz tief in den Anblick der Blüten versunken steht sie da, eine schöne, wohlhabende, junge Dame. Ihre vollendete Schönheit spiegelt sich in der Päonie, die in Ostasien nicht nur als Symbol des Sommers, sondern auch der Eleganz gilt. Die weich fließenden Gewänder, die anmutige Haltung in der Hinwendung zum Strauch und die zurückhaltende Haltung der Hände sowie die samtene, weiche Farbigkeit der Blüten sind in der Komposition bewußt aufeinander abgestimmt. In einer japanischen Redewendung heißt es: "Wenn sie (die Dame) da steht, wie eine Pfingstrose, wenn sie sitzt wie eine Päonie, wenn sie schreitet wie eine Lilie, ... dann ist sie eine ganz besonders elegante Dame." Das Bild des japanischen Künstlers Ôkyo besteht nur aus der wohlproportionierten Frauenfigur und der Blütenstaude, die in den Gewandsaum übergeht. Die Gartenumgebung wird lediglich durch die Staude angedeutet. Die junge Dame scheint völlig in den Anblick der Päonie versunken zu sein. Die Stimmung, die sie ausstrahlt, hat meditativen Charakter. Reduziert auf das Wesentliche, auf die Betrachtende und das von ihr betrachtete Objekt, strahlt die ganze Atmosphäre Ruhe aus. Im Gegensatz zu zeitgleichen japanischen Malern der Edo-Zeit (hier 2. Hälfte 18. Jahrhunderts) bemühte sich Ôkyo, seine Figuren in natürlichen Proportionen und in natürlicher Haltung darzustellen. Hierzu zeichnete er den nackten Körper in rot vor und fügte dann das Gewand mit schwarzer Tusche hinzu. Durch die Beschäftigung mit der chinesischen Physiognomie entwickelte Maruyama Ôkyo eine anatomische Typologie, die für seine Malerei bestimmend wurde. Die Gesichtszüge der jungen, sorgfältig geschminkten Dame (s. kleines Bild) sind daher nicht porträthaft realistisch, sondern charakterisieren die Frau als jung und wohlhabend. Gerade diese an der Natur geschulte Typologie bewirkte jedoch, dass Ôkyo einen in der japanischen Malerei bis dahin unbekannten Realismus erreicht.

M. Schulz