Geisterzug in Köln

Bild der 8. Woche - 19. bis 26. Februar 2001

Kanô Kyûen (1622-1698), Detail aus: Nachtparade der 100 Dämonen, Querrolle, Tusche und Farben auf Papier, 28,8 cm x 944 cm, Museum für Ostasiatische Kunst, Köln Privatbesitz
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Handelt es sich hier etwa um Harry Potters "Monsterbook of Monsters", bei dem die Monster aus dem Buch nach einem schnappen und nur Ruhe geben, wenn man den Buchrücken streichelt? Weit gefehlt! Dieses Detail stammt aus einer Querrolle des japanischen Küstlers Kanô Kyûen (1622-1698), die unter dem Titel "Nachtparade der 100 Dämonen" eine sehr amüsante Nachtparade von japanischen Dämonen darstellt (Eine Gesamtansicht erhalten Sie hier [142 KB]). Die Geschichte der "Nachtparade der 100 Dämonen" (das Wort "hundert" steht hier für "viele", in diesem Fall sogar für "vielfältige", nicht für eine Zählung) geht weit in die Vergangenheit zurück. Die früheste erhalten gebliebene Querrolle stammt zwar erst aus dem 17. Jh. Es existieren aber auch noch Kopien von früheren, nicht mehr erhaltenen Querrollen. Der Ablauf der Parade ähnelt sich, die Figuren tauchen in Abwandlungen und leichten Veränderungen immer wieder in den Querrollen auf. Alles andere als furchterregend, sind sie sehr amüsant anzusehen. Teilweise sogar ausgesprochen liebenswert skurril. Dämonen parodieren eine buddhistische Prozession, verwandlungsfähige Tiere wie Füchse (siehe hierzu auch BdW 02/2001) verwandeln sich in Menschen und schwärzen sich wie verheiratete Frauen die Zähne, Gebrauchsgegenstände wie Strohsandalen, Schirme, ja sogar Musikinstrumente, erwachen zu eigenem Leben und nehmen mit anderen Objektgespenstern an diesem sonderbaren Umzug teil. Die nach links ziehende Nachtparade wird jäh durch die aufgehende Sonne beendet, da die Dämonen das Licht nicht überleben können und flüchten müssen. Die erheiternde Darstellung zeigt wunderbar die Entmystifizierung, die die ursprünglich als furchteinflössend empfundenen Dämonen im Laufe der Jahrhunderte erfuhren. Gespenstergeschichten und die entsprechende Gruselkunst haben eine lange Tradition in Japan. Besonders in der Edo-Zeit (1603-1868) wurde das Gespensterthema in der Kunst sehr populär und erlebte seinen Höhepunkt im 19. Jahrhundert. In dieser Zeit repressiver Feudalherrschaft, mit ihrer restriktiven Kontrolle des Kunstschaffens, als Naturkatastrophen die schlechte wirtschaftliche Lage des Volkes noch verschärften, wurden Geschichten von Rache übenden Totengeistern und von Helden, die das Böse bekämpfen, begeistert aufgenommen. Die Japaner liebten gruselige Geschichten derart, daß sich daraus im 17. Jh. das Gesellschaftsspiel der "Hundert übernatürlichen Geschichten" entwickelte. Anfangs eine "Mutprobe" der Samurai wurde es im 19. Jh. eine Mode unter den Städtern. Die Spielregel war einfach: man traf abends zusammen und zündete "hundert" (im Sinne von "viele") Kerzen an. Die Teilnehmer erzählten sich Gruselgeschichten. Mit dem Ende einer Geschichte wurde eine Kerze gelöscht, so daß es immer dunkler und die Atmosphäre immer unheimlicher wurde. Nach einem solchen Abend ging man sicherlich nicht sonderlich gerne durch das Dunkle der Nacht nach Hause.

B. Clever