Pflaumenblüte

Bild der 12. Woche - 20. bis 27. März 2000

Utagawa Hiroshige (1797-1858), Der Pflaumengarten von Kameido, Japan, Edo-Zeit, datiert 11. Monat 1857, Vielfarbenholzschnitt, 35 x 22,5 cm, Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 54,14 (58)

Es ist ein klarer, noch kalter Frühlingstag am Spätnachmittag kurz vor Sonnenuntergang. Das schöne Wetter lockt zahllose Besucher zur Bewunderung der Pflaumenblüte in die Gärten. Der japanische Maler Utagawa Hiroshige (1797-1858) rückt bei diesem Vielfarbenholzschnitt - zu sehen im Kölner Museum für Ostasiatische Kunst - mit einer für die damalige Zeit ungewöhnlichen Perspektive das Objekt der Bewunderung, den blühenden Pflaumenbaum, stark in den Vordergrund. Zugleich erreicht er durch diesen Bildaufbau, dass der Blick des Betrachters zwischen den Ästen hindurch in den entfernten Hintergrundraum gezogen wird. Der Sog der Raumtiefe ist fast physisch spürbar. Wendet sich der Blick des Betrachters dem Vordergrund zu, so lassen die knorrigen, bemoosten Äste ein hohes Alter des Baumes erahnen. Ausdrucksstark stehen die zarten Blüten im Kontrast zu dem ehrwürdigen Stamm. In der Heian-Zeit (794-1185) war die Pflaumenblüte (ume) als Frühlingsbote ein beliebtes Motiv in Dichtung und Malerei. Wie in der Natur wurde sie später von der Kirschblüte (sakura) als Symbolträger abgelöst. Der blühende Pflaumenbaum zeigt mehr Kraft als die zurückhaltende Kirsche. Man schaut zuerst auf den alten, ausdrucksvollen Ast der Pflaume, dann erst auf die festen Blüten. Bei der blühenden Kirsche ist es umgekehrt, man bewundert ihre zarte Fülle. Duftig und doch üppig zeigt sie ihre Blüten, Schmetterlingen gleich fallen sie bei geringstem Wind zu Boden, um die Erde mit einem dicken Blütenpolster zu bedecken. Wohl auch das mildere Wetter ist ein Grund für die größere Popularität der Kirschblüte gegenüber der Pflaumenblüte. Denn die Zeit der Kirschblüte ist die Zeit des "hana mi" (wörtlich: Blumen sehen), bei dem man in der ostasiatischen Kultur unter den Bäumen gesellig beisammen sitzt, die Kirschblüte betrachtet, Verse verfaßt oder vorliest, und mit viel Sake sowie einem üppigen Picknik den Frühlingsbeginn feiert. Diese Tage der Blütenschau sind ein regelrechtes Volksfest. Beiden, der Pflaumenblüte und der Kirschblüte, ist eine duftende Leichtigkeit zu eigen. Sowohl die zurückhaltende Pflaume als auch die prächtige Kirsche sind der Inbegriff leuchtender Frische, aber auch die Verkörperung des schnellen Vergehens.

M. Schulz