Bei den Schweinen

Bild der 11. Woche - 8. bis 20. März 2000

Arnold Mercator, Die Stadt Köln in Vogelansicht von Nordosten, 1571, Kupferstich, Kölnisches Stadtmuseum, KSM 1984/857
 
 

Man kann die stark kirchlich geprägte mittelalterliche Gesellschaft trotz der religiösen Bindung nicht als prüde bezeichnen. Betrachtet man einmal das sich in den werdenden und wachsenden Städten konzentrierende Dirnenwesen, so findet man sehr früh bei den städtischen Obrigkeiten die Haltung, dass die Prostitution in einer Gesellschaft, die nur etwa 30 Prozent der Bevölkerung die Chance zur Eheschließung und Familiengründung bot, ein unvermeidbares übel sei. Man versuchte daher nicht dieses Gewerbe zu verbieten, sondern hielt es unter Kontrolle durch Konzentration, Einrichtung von Frauenhäusern, durch Unterstellung der betreffenden Frauen unter Frauenwirte oder Henker, durch Kennzeichnung mit Hilfe bestimmter Kleidungen oder durch Konzentration der Dirnen auf bestimmten Straßen. Vom 13. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts lag das Hauptwohngebiet der Kölner Dirnen in auffälliger Weise in der Gegend um die Straße "Auf dem Berlich". In der Seitenstraße "Schwalbengasse" lag vermutlich das älteste deutsche, bereits 1286 als Haus sconevrowe (Schönfrau) bezeichnete Frauenhaus. Um das Verbreitungsgebiet der Prostitution in Köln einzuschränken, drohte der Rat der Stadt Köln Ende des 15. Jahrhunderts, die Dirnen, die man z. B. in der Schmierstraße (Kommödienstraße) antraf "öffentlich auf den Berlich zu führen". Hier gab es vermutlich in unmittelbarer Nähe zum Klarissenkloster (auf dem Plan rechts) mehrere Häuser, die als Dirnenwohnungen genutzt wurden. Eine Gaststätte, das Hurenwirtshaus, geführt vom Hurenwirt, diente der Kontaktaufnahme und der "Leitung" der Häuser. Drastisch überteuerte Getränkepreise und die Ausbeutung der Frauen waren typisch für diesen Treffpunkt. Zumindest seit der Mitte des 16. Jahrhunderts stellten die "Berlichshuren" eine Negativauswahl der Kölner Prostituierten dar - ebenso wie auch ihr Kundenkreis. Wenn also der Rat drohte, eine Dirne in das Haus auf dem Berlich abzuschieben, so war dies gleichzusetzen mit der Einstufung auf die unterste Position der sozialen Rangordnung, mit Ausbeutung durch den Hurenwirt und Verachtung durch die "anständigen" Einwohner. Im 16. Jahrhundert hatten die Berlichhuren schwer unter der Konkurenz der heimlichen, im Stadtgebiet wohnenden Schlupfhuren zu leiden. Daher setzen sie sich zur Wehr und erreichten, dass eine ganz Reihe von "besser gestellten" Dirnen öffentlich auf den Berlich geführt wurden: So z. B. am 14. November 1571 Cecilia in der Langengassen. In der Regel setzte man die bestimmte Person auf einen Karren und fuhr sie unter Begleitung von Henker, Schinder und Hurenwirt in das Frauenhaus. Die Außenseiterrolle der Prostituierten ließ der Rat der Stadt Köln bereits 1389 auch in einer Kleiderordnung verdeutlichen. So beschloß er, dass die häufig auffallend gekleideten Dirnen einen roten Schleier oder rote Kopftücher zu tragen hätten. Überhaupt galt die rote Kleidungsfarbe als Dirnenfarbe. In der Weltgerichtsdarstellung Stefan Lochners von 1435 tragen die Huren die auffallenden Hornhauben bzw. rote Haare (kleine Bilder). Die Straße "Auf dem Berlich" - die heute noch diesen Namen trägt - lag in der nordwestlichen Ecke der alten, bis 1106 stehenden römischen Stadtmauer. Mit der Thieboldsgasse jenseits des Neumarktes bildet sie noch erkennbar eine Nord-Süd-Trasse, die noch Zeugnis für das bei der Ansiedlung der Römer ab 39 v. Chr. vorgesehene oder bereits schon angelegte rechtwinklige Straßennetz ablegt. Bei den derzeit noch laufenden Bauarbeiten auf dem ehemaligen Redaktionsgelände des Kölner Stadtanzeigers, das an die Straße "Auf dem Berlich" grenzt, wurden Reste der römischen Siedlung gefunden. Der mittelhochdeutsche Name "Berlich" bedeutet soviel wie "Schweinefeld" und zeigt an, dass diese nicht so stark bewohnte Ecke der Stadt in frühmittelalterlichen Zeiten als Ort für die Schweinehaltung genutzt wurde.

T. Nagel