Krach auf dem Alten Graben

Bild der 8. Woche - 21. bis 28. Februar 2000

Ausschnitt aus: Arnold Mercator - Die Stadt Köln in Vogelansicht von Nordosten, 1571, Kupferstich, Kölnisches Stadtmuseum, KSM 1984/857
 

Die zum Teil sehr alten Straßennamen Kölns zeugen bis heute von Ereignissen, Bräuchen oder vom Wohngebiet bestimmter Berufsgruppen in der Stadt. Sie lassen sich darüber hinaus mit sozialgeschichtlichen, kunstgeschichtlichen oder auch stadtgeschichtlichen Begebenheiten in Verbindung bringen. In einer kleinen Serie soll an dieser Stelle durch historische Stadtansichten illustriert an einige der Kölner Straßen und deren Geschichte(n) erinnert werden. In vielen deutschen Städten zeugen Straßennamen noch davon, dass in ihnen in der Zeit des Mittelalters Bettler bzw. die arme soziale Randschicht der Bevölkerung wohnte. So gibt es etwa in Speyer oder Frankfurt eine Gailergasse. Für dieses Zusammenwohnen gibt es mehrere Ursachen. Einerseits suchte der arme Bevölkerungsteil "passende" Wohngegenden mit billigen Unterkünften, Wirtshäusern oder vielleicht auch Verstecken, andererseits drängten die Ratsherren unliebsames Gesindel in bestimmte Stadtteile ab. Im mittelalterlichen Köln gab es vermutlich keine derartigen geschlossenen Bettler- bzw. Armenviertel, diese Bevölkerungsgruppen entwickelten jedoch eine Vorliebe für bestimmte Straßen. So hieß die Schmiergasse (heute Kommödienstraße) im 12. Jahrhundert platea pauperum (lat. = Armenstraße) und hatte auch im 16. Jahrhundert noch eine Fülle an Unterkünften für Arme. Der aus Trier stammende Apotheker Lorentz Weiß räumte 1611 sein Quatier in der Schmiergasse, weil dort "allerlei lumpengesindt" gewesen sei. Eine besonders verrufene Gegend war die am Rand der Stadt liegende Straße "Auf dem Alten Graben" und die angrenzenden Gassen (Spielmannsgasse und Walengasse). Wie entsprechende Akten im Historischen Stadtarchiv zeigen, kamen die hier lebenden Bewohner oft mit dem Gesetz in Konflikt: So z. B. Zy von Berckh: Im Jahre 1611, zwei Jahre nach ihrer Hochzeit mit Aleff von Schwellem, der als Knecht arbeitete und kaum zum Unterhalt für sie und ihre beiden Kinder beitrug, traf sie ihren Mann im Bierhaus zur Mullen mit der leichtfertigen Person Mergh Krempenmachers an einem Tisch an. Sie beschimpft diese als Hure. Als es anderntags zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung mit Aleff kommt, greift Zy kurzerhand zu einem steckell, den sie auf der Gasse einem Kind abnahm, welches mit diesem Steckenpferd gespielt hatte. In der Spielmannsgasse wohnte im gleichen Jahr Heinrich von St. Gereonswyler, der seinen Lebensunterhalt damit verdiente, dass er Knochen sammelte: Er gehe ihn der stadt auff den gaßen herumb und samble bain - wie er im Verhör berichtet. Im April 1611 wurden drei junge Männer, der Holzträger und Gelegenheitsarbeiter Jan van Coln genannt Schel Janmentgen, der Fuhr- und Pferdeknecht Arnold Klein und der Karrenschieber und Gelegenheitsarbeiter Graff Jan wegen Singens unzüchtiger Lieder und einer Schlägerei zu Wasser und Brot verurteilt. Einen Monat später prügelte sich Hans Jurgen von Reß, Sohn eines Weingartenarbeiters und Bettlers, mit seinen Schwiegereltern, die ebenfalls "auf dem Alten Graben" wohnten. Bei einem Verhör klagte 1613 auch Eva Sydtspinnersche, dass sie von ihrem Mann Hermann von der Sultz häufig verprügelt werde, wenn er alle Abende betrunken nach Hause komme. Die Straße "Auf dem Alten Graben" wird im Zuge der Stadterweiterung des Jahres 1106 angelegt worden sein. Im Norden, Westen und Süden der Stadt legte man zu diesem Zeitpunkt, um der Gefahr einer Belagerung zu begegnen, Gräben und Wälle an. Nach einem dieser Gräben erhielt der Straßenverlauf seinen Namen. Als 1180 die Stadtmauer errichtet wurde, dienten die Gräben nur noch als Sammelbecken für die Abwässer der Anwohner. Sie wurden zu schmutzigen Pfuhlen. So wurde die Straße "Auf dem alten Graben" auch als Entenpfuhl bezeichnet. Ob man die Geschichte der Wohngegend "Auf dem Alten Graben" kannte, als im 19. Jahrhundert die Straße in Eintrachtstraße umbenannt wurde? 1934 mit dem Namen einer NS-Größe (Winterbergstraße) belegt, wurde die Eintrachtstraße 1980 in ihrem oberen Teil nach dem zwei Jahre zuvor verstorbenen Kardinal Josef Frings benannt. Der Verlauf der Straße "Auf dem Alten Graben" wird heute somit durch die Straßen Kardinal-Frings-Straße und Eintrachstraße markiert.

T. Nagel