"Drängeln, Stossen, Schimpfen, Schlagen..."

Bild der 47. Woche - 16. November bis 23. November 1998

Hein Nöcker und Oscar Herbert Pfeiffer "Drängeln, Stossen, Schimpfen, Schlagen,überfüllte alte Wagen, ist, was uns die NAZIPEST als ihr Erbe hinterläßt", 1945 Kölnisches Stadtmuseum, 1991/242f, 60 x 85 cm

"Drängeln, Stossen, Schimpfen, Schlagen..." "Drängeln; Stossen, Schimpfen, Schlagen, überfüllte alte Wagen ist, was uns die NAZIPEST als ihr Erbe hinterläßt." Dieser von Oscar Herbert Pfeiffer 1945 verfaßte Text in weißer Schrift auf signalrotem Grund bedeckt die rechte Hälfte eines zweiteiligen Plakates, das anläßlich der schlechten Lebensbedingungen und schwierigen Alltagssituation unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg mit Bewilligung und Förderung der Britischen Besatzungsbehörden von dem Kölner Künstler Hein Nöcker gestaltet worden ist.Das an den unterschiedlichsten Orten, Schulen, Kinos, zerstörten Gebäuden angeklebte Plakat zeigt auf seiner linken Hälfte einen von einer Menschenmenge bevölkerten Platz, der von Häuserruinen und den Türmen des Domes im Hintergrund begrenzt wird. Vor den Häusern ist auf dem Platz ein haltender Straßenbahnzug zu sehen, der völlig überfüllt ist. Trotzdem versuchen von allen Seiten anströmende Menschen Einlaß zu finden, was aber aufgrund der schon übervollen Bahn völlig mißlingt. Es entsteht ein Schimpfen, Geschiebe und Stoßen, ja sogar abseits ein Schlagen unter den Einlaß Suchenden. Alle Figuren auf dem Platz sind in Blaugrau gehalten, komplementär gegenüber dem roten Schriftgrund der rechten Plakathälfte.Diese formal vom Künstler beabsichtigte Beziehung beider Plakathälften setzt sich inhaltlich fort. Gelesenes und Gesehenes ergänzen sich gegenseitig. Was der Text in leicht zu merkender Versform beschreibt, bestätigt das Sichtbare des Dargestellten. Das dargestellte Geschehen steht nicht für sich, sondern wird in der Beziehung zwischen Text und Bild des Plakates zur Wirkung gebracht und verweist daher auf die Ursache des Dargestellten, nämlich die Folge eines Krieges, dessen Urheber Lüge, Gewalt, Verfolgung und Massenmord zum politischen Programm erhoben hatten. Somit wird nicht nur die gezeigte Nachkriegsgegenwärtigkeit an der Straßenbahnhaltestelle, sondern auch ihre Ursache, die nationalsozialistische Herrschaft, zum Ausdruck gebracht, welches les- und sichtbar durch das Hervorheben der Verben "Drängeln; Stossen, Schimpfen, Schlagen" und dem unterstrichenen Wort "NAZIPEST" dem Betrachter des Plakats eindringlich und mahnend vor Augen geführt wird.Dieses Plakat ist Teil einer Serie von vier Plakaten, deren Herstellung von den Britischen Besatzungsbehörden durch Bewilligung des Papiers für die Plakate unterstützt worden ist. Angeregt wurden die Plakate durch den damaligen Dezernenten der Stadt Köln Ernst Schwering, ihrem späteren Oberbürgermeister. Die Texte der weiteren Plakate: "Durch die Straßen Bettlern gleich, ziehn wir Dank dem NAZI-Reich""Müsst ihr am Hydrant euch quälen, Denkt das kommt vom HITLER-wählen" und"Schlange stehn und langes Warten Früchte sind aus HITLERS Garten". Weitere, ähnliche Plakate tragen Titel wie z. B.: "Trümmer hat der Krieg gebracht, den die Nazis angefacht""Dem Kölner Dom wär nichts passiert, hätt' Adolf Hitler nicht regiert""Fort mit dem Ding! Es hatt' einen Haken und war ein Kreuz!""Hier wird wieder Recht gesprochen, wo die Nazi es gebrochen""St. Martin wie die Welt es kannte, eh' Hitlers Krieg es niederbrannte""Alle Kirchen sind vernichtet, das hat Hitler angerichtet"

U. Brüssow