Wenn man Mäuse gefressen hat -
was für ein Drama!

Bild der 12. Woche - 16. bis 23. März 1998

Takebe Sôchô (1761 - 1814), Bild vom Sterben des Buddha - Farben auf Papier, 55,5 x 32,3 cm, Japan, Edo-Zeit (1603-1868), Sammlung Shôzaburô Masuda, Tôkyô

Haiku-Aufschrift: Bild vom Sterben des Buddha: wenn man Mäuse gefressen hat - was für ein Drama! Sôchô Wie das Haiku-Kurzgedicht in diesem Bild dem Leser verrät, betrachtet die Katze gerade eine Darstellung des sterbenden Buddha. Bilder, die den weltlichen Tod des historischen Buddha Sakyamuni, im Japanischen nehanzu, illustrieren, zeigen den hingelagerten, sterbenden Buddha im Augenblick seines Eintritts ins vollkommene Nirwana. Mit seinem Tod überwindet Buddha sowohl seine irdische Existenz, den Kreislauf der Wiedergeburten sowie die damit verbundenen menschlichen Begierden. Buddha ist in dieser Szene umgeben von den Wesen der sechs Daseinsstufen, von Bodhisattvas, Menschen, Tieren, Hungergeistern, Dämonen und Göttern, die weinend um ihn trauern und seinen Verlust beklagen. Die Katze wird dem Betrachter mit kurzen, lebendigen, skizzenhaften fast karikaturistisch anmutenden Tuschstrichen präsentiert, die den subtilen Humor des Malers, des Haiku- und Haiga-Künstler Takebe Sôchô (1761-1814), widerspiegeln. Der Blick der Katze wirkt einerseits recht keck, andererseits aber auch erschrocken und schuldbewußt. Sie sitzt zusammengekauert mit weit aufgerissenen Augen dem Betrachter gegenüber und schaut diesen direkt an. Das Bild des sterbenden Buddha scheint in ihr Unbehagen zu wecken, da sie nach einem ausgedehnten Raubzug damit konfrontiert wird und sich ertappt fühlt. Sie sieht es als Drama an, daß sie nun vollgefressen mit Mäusen dieser traurigen Szene gegenübersitzt, die sie in ihrem Zustand nicht entsprechend würdigen kann. Zugleich erinnert sie das Bild an ihre Begierden, die sie noch nicht überwunden hat und gänzlich auslebt, ausleben muß, was ihre Chancen auf ein Eingehen in das Nirwana zunichte macht. Die Katze trägt fast menschliche Züge, so daß der Betrachter dieses Haiga, des Haiku-Bildes, an seine eigene Schwachheit sowie die eigenen Begierden erinnert wird.

M. Retterath