Rheinische Mona Lisa

Bild der 15. Woche - 9. April bis 15. April 2018

Heinrich IV. Parler (zugeschr.): Büste, um 1390, Kalkstein, Höhe: 46 cm. Museum Schnütgen, Inv.-Nr. K 127 (Foto: RBA, Wolfgang F. Meier)

Heinrich IV. Parler (zugeschr.): Büste, um 1390, Kalkstein, Höhe: 46 cm. Museum Schnütgen, Inv.-Nr. K 127 (Foto: RBA, Wolfgang F. Meier)

Wenn man durch das Museum Schnütgen schlendert, hinein nach St. Cäcilien, über die Empore vorbei an den acht Propheten aus dem Kölner Rathaus, ziehen sich die Mundwinkel automatisch nach oben. Die Parlerbüste schenkt dem Betrachter ein warmes, verschmitztes Lächeln, Grübchen sind in ihr lebendiges Gesicht geschrieben. Sie ist jung und schön, hat ein kleines Kinn, rosig sind ihre Wangen und ihr goldenes, lockiges Haar wird durch eine Blätterkonsole bekrönt. Körperlich schält sie sich aus der Wand und fängt den Betrachter mit ihren leicht schrägen Augen ein. Nicht zu Unrecht wird sie so treffend als „rheinische Mona Lisa“ bezeichnet. Ohne Zweifel ist sie eine elegante Dame, vornehm und fein, beinahe malerisch, wirkt sie, da oben an der Wand – doch was macht sie so besonders?

Die Künstlerfamilie der Parler, nach der die Büste benannt ist, prägte um die Mitte des 14. Jahrhunderts die europäische Skulptur und Baukunst vom Rheinland bis nach Böhmen. Nahezu schlagartig treten die Parler auf, waren schnell durch Hochzeit mit anderen Baumeister- und Metzfamilien weiträumig vernetzt. Der Künstler dieser Büste ist vermutlich Heinrich IV. Parler, zuzuordnen durch das Wappen auf der Brust. Er war mit der Tochter des Kölner Dombaumeisters verheiratet und so kann man entweder ein Abbild der Ehefrau oder der Tochter des Künstlers in der Büste vermuten. Damit stellt sie das erste wirkliche, lebensechte Porträt einer „Kölnerin“ dar.

Die Büste, für die Wand gearbeitet, stammt vermutlich aus dem Kölner Dom, ihre Blätterkonsole trug wahrscheinlich eine Madonnenstatue. Gerade das Blattwerk der Konsole, es handelt sich um Beifuß, ist in seiner spezifischen Form der Ausarbeitung ein Kennzeichen der Parler. Es tritt in seiner Eigenartigkeit nur dort auf, wo sie am Werk waren. Der Porträtcharakter wird durch die individuellen Gesichtszüge ganz deutlich, die ästhetische Norm und verklärende Form des Schönen sind wichtige Merkmale des sog. „Schönen Stils“. Durch ihren Einfluss entwickelte sich der vorherrschende Darstellungstypus weiter: weg von uniformen Bildnissen, die eher die Rolle, das Amt oder den Stand einer Person anstatt die Person selber repräsentierten, hin zu eben diesen individualisierten Ausführungen. Die Parlerbüste ist also ein wichtiges Zeugnis der Wandlung der künstlerischen Entwicklung in der Gotik.

H. E. Odenbach