Design aus dem Gästezimmer. Die Beinschiene der Eames'

Bild der 36. Woche - 4. September bis 10. September 2017

Ray und Charles Eames (Entw.), Evans Products Company, Molded Plywood Division, Los Angeles (Herst.): Beinschiene für die US Navy, 1943/1945. Birkenholz, geschichtet, Länge: 106 cm
Köln, Museum für Angewandte Kunst Köln, Inv.-Nr. Ov 251 (Foto: RBA, Marion Mennicken 2017)

Ray und Charles Eames (Entw.), Evans Products Company, Molded Plywood Division, Los Angeles (Herst.): Beinschiene für die US Navy, 1943/1945. Birkenholz, geschichtet, Länge: 106 cm
Köln, Museum für Angewandte Kunst Köln, Inv.-Nr. Ov 251 (Foto: RBA, Marion Mennicken 2017)

Die Beinschiene wirkt schlicht, nicht künstlerisch, vielmehr funktionell. Sie ist aus Birkenholz gefertigt, einen Meter und sechs lang. Die Technik: eine dreidimensionale Verarbeitung von Schichtholz. Und doch ist die Schiene ein besonderes Stück. Denn hergestellt wurde sie von dem Designerehepaar Charles und Ray Eames.

„Sie ist für alles, was hier vor sich geht, genauso verantwortlich wie ich.“

Charles Eames ist bereits ein bekannter Designer, als er in zweiter Ehe die Künstlerin Ray Kaiser heiratet. Rays Zeichentalent zeigt sich bereits in frühen Jahren, sie ist Schülerin des renommierten US-amerikanisch-deutschen Malers Hans Hofmann. 1940 beginnt sie ihr Studium an der Cranbrook Academy of Art in Michigan, an der zur selben Zeit auch Charles Eames Stipendiat ist. 1941 heirateten Charles und Ray, der schriftliche Antrag ist bis heute erhalten.

Ray ist die Künstlerin des Duos, Charles der Architekt. Und auch wenn es meist Charles ist, der im Medieninteresse steht, ist Ray doch ebenso für die Designs maßgebend wie ihr Mann. Gemeinsam prägen sie mit ihrer Arbeit die Designwelt für rund 40 Jahre, bevor Charles am 21. August 1978 stirbt. Ihr restliches Leben verbringt Ray mit der Verwaltung des Nachlasses, sie überlebt ihren Mann auf den Tag genau um zehn Jahre. Heute erleben ihre Werke im Zuge der Mid-Century-Welle eine Renaissance.

Die Eames wagen bereits in den 1940er Jahren bedeutende Experimente: Sie versuchen Möbelstücke aus verleimtem, verformtem Schichtholz herzustellen - in ihrem Gästezimmer. Dort steht eine Maschine, mit dem sie wunderbar gewundene Schichtholzobjekte "backen". Der Mediziner und Militärarzt Wendel G. Scott weist die Designer schließlich auf die Möglichkeit hin, die Technik auch anderweitig und nicht nur für Möbelstücke zu verwenden. Im Jahr 1942 werden die starren, aus Stahl gefertigten schweren Schienen von denen im Eames-Stil abgelöst. Charles gründet sogar eine Firma dafür. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges sollten verwundete amerikanische Soldaten von dem neuen leichten und flexiblen Entwurf "Leg Splint" profitieren.

Möbel für den kleinen Geldbeutel

Nach dem Krieg widmen sich die Eames wieder den Möbelentwürfen und versuchen, ihr gewonnenes Know-how möglichst gut zu nutzen: Möbel sollen kostengünstig hergestellt werden. 1948 nehmen sie an einem „Low-Cost-Furniture“-Wettbewerb teil – zwei Jahre zuvor hatten sie ihre Schichtholzarbeiten, wie den „Leg Splint“, bereits im Museum of Modern Art in New York ausgestellt. Neben dem Schichtholz experimentieren sie außerdem mit Fiberglas, Kunststoff, Draht und Aluminium. 1950 entwerfen sie den ersten industriell gefertigten Stuhl aus Plastik.

Das bekannteste Stück des Designerpaares ist wohl der Lounge Chair aus dem Jahr 1956. Das Modell mit den gepolsterten Sesselschalen kann bis heute unverändert gekauft werden. Doch auch andere Designs, wie die Plywood Group, die Fiberglas Group sowie die Aluminium Group und Stühle aus Drahtgeflecht prägen die Möbeldesigns bis heute. Denn die Eames sind aktuell wie eh und je: Die Stücke sind nicht nur in zahlreichen Wohnzimmern, sondern auch in Orten wie dem Hessischen Landtag, dem Berliner Reichstag und dem Bundeskanzleramt zu finden. 

J. Wonke