"Et es wie et es" und "Et kütt wie et kütt". Seneca und die Stoa

Bild der 35. Woche - 28. August bis 3. September 2017

Johann Anton de Peters: Der Tod des Seneca, 1780/1789, Öl auf Leinwand, 97,5 x 86,5 cm. Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Gemäldesammlung, Inv.-Nr. WRM 1294 (Foto: RBA)

Mit einem Augenzwinkern lässt sich mit diesem kölschen Sprichwort erstaunlich gut die Lehre der Stoa erklären, mit der sich der bekannte Philosoph Seneca beschäftigte.

„Die erste Stunde unseres Lebens ist auch die erste Stunde unseres Sterbens.“, schreibt er in einem seiner Dramen. Das Zitat zeigt den kausalen Zusammenhang von Leben und Tod, das Unumgängliche des Sterbens. In seinen bekannten „Briefen über Ethik an Lucilius“ erklärte Seneca den Vorteil stoischer Ruhe ob dieser Tatsache: „Der hat die Weisheit erfasst, der eben so sorglos stirbt, als er geboren wird.“ So nahm Seneca denn auch sein eigenes Todesurteil in stoischer Ruhe entgegen.

Als Erzieher und Lehrer hatte Seneca den jungen Nero lange Jahre auf dessen Weg zur Macht über das römische Reich begleitet. Trotz dieser Beziehung wurde er Jahre später verdächtigt, Teil einer Verschwörung gegen den Kaiser gewesen zu sein. Nero forderte seinen ehemaligen Lehrer aufgrund dieses Verdachts zum Selbstmord auf – und Seneca nahm das Urteil widerspruchslos an.

Sofort machte er sich laut der Erzählung daran, das Urteil auszuführen. Der Versuch, seine Adern aufzuschneiden scheiterte am Alter seines durch seine stoisch asketische Lebensweise besonders gezehrten Körpers. Der folgende Versuch, durch das gleiche Gift sein Leben zu beenden, wie es einst Sokrates getan hatte, scheiterte, da sein Körper schon zu erkaltet und blutleer war – erst ein Dampfbad führte zu seinem Erstickungstod.

Das Dampfbad. Sein alter Körper, Venen, die es zu durchtrennen gilt. Seneca, umringt von seinen Freunden, die die letzten weisen Worte des Philosophen hören – der kölnische Künstler Johann Anton de Peters (1725-1795) wählte für sein Gemälde eine klassische, eine typische Darstellung Senecas: Zahlreiche weitere Künstler haben die Todesszene des Philosophen als Motiv gewählt.

Wieso aber wird Seneca immer in seiner Todesstunde dargestellt? Vielleicht, weil erst durch seinen „stoischen Selbstmord“ seine Lehren wirklich relevant und wahr wurden – war ihm doch oft vorgeworfen worden, Wasser zu predigen und Wein zu trinken. Ob nun Wasser oder Wein – womöglich wäre Seneca in Vergessenheit geraten, hätte nicht seine Todesstunde Senecas stoischer Weisheit zur nötigen Bleibekraft verholfen – nicht nur in der Kunst.

I. Braun