"bauwurmb" und Baulöwe

Bild der 27. Woche - 3. Juli bis 9. Juli 2017

Christian Schilbach: Kurfürst Lothar Franz von Schönborn, 1715. Öl auf Kupfer, 78 x 58,5 cm, Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Gemäldesammlung, Inv.-Nr. WRM 1807 (Foto: RBA)

Macht und Selbstbewusstsein strahlt er aus - der ältere Herr, den Christian Schilbach hier ins Bild gesetzt hat. Er füllt den Bildraum fast aus, der graue Hintergrund unterstreicht dabei die Präsenz des Porträtierten. Der Rahmen des ovalen Bildausschnittes beschneidet die Figur, so dass er uns noch näher zu sein scheint. Und tatsächlich kommt uns das Bild entgegen, denn der Bildträger ist ein bombierter Kupferschild, ist also derart gearbeitet, dass er sich nach vorne wölbt.

Diesen Kunstgriff wendete der Porträtmaler Christian Schilbach, dem wir dieses Bild der Woche verdanken, häufiger an. 1668 in Plauen im Vogtland geboren, schuf Schilbach zahlreiche Werke für die Herzöge und Grafen der sächsisch-thüringischen und fränkischen Fürstentümer. Die Kleinstaaterei des 18. Jahrhunderts bot ihm eine reiche Auftragslage. Daher fanden seine Werke Einzug in zahlreiche Adelsgalerien und Gemäldekabinette des Barock und Rokoko, die ja schließlich eine passende Ausstattung brauchten, die aber auch das Lob des Fürsten singen sollten. In diesem Milieu der kleinen Fürsten- und Musenhöfe starb Schilbach auch, im Jahr 1742 in der thüringischen Residenzstadt Gotha.

Unser Gemälde kam 1884 in die Sammlung des Museums. Zuvor war es im adeligem Besitz: Es gehörte Philipp Franz Wilhelm Ignaz Reichsgraf und Fürst von der Leyen und zu Hohengeroldseck, der in der Zeit Napoleons ein Befürworter und Förderer des Rheinbundes war, des Nachfolgestaates des Heiligen Römischen Reiches, das ja 1803 zu Ende gegangen war.

Das Bild zeigt einen typischen Vertreter dieses Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. An seinem schwarzen Gewand und dem großen Beffchen ist er eindeutig als Vertreter des geistlichen Standes gekennzeichnet. Der rote Samtmantel und vor allem die applizierten Hermelinschwänze zeugen jedoch von fürstlicher Würde. Und tatsächlich war der Dargestellte beides. Es handelt sich um Lothar Franz von Schönborn, Fürstbischof von Bamberg (1693–1729), Kurfürst und Erzbischof von Mainz (1695–1729), Erzkanzler des Reiches und damit Berater des Kaisers in Wien, der dieses Heilige Römische Reich mit seinen vielen Territorien zu regieren versuchte.

Die Ämter der Erzkanzler gehörten im Heiligen Römischen Reich zu den sogenannten Erzämtern. Sie waren den geistlichen Kurfürsten vorbehalten. . Der Erzbischof von Köln war Erzkanzler für Reichsitalien (Archicancellarius per Italiam), der Erzbischof von Trier Erzkanzler für Burgund (Archicancellarius per Galliam) und der Erzbischof von Mainz Erzkanzler für „Germanien“ (Archicancellarius per Germaniam). Davon war zu Lebzeiten des Johann Philipp von Schönborn nur noch die Position des Erzkanzlers für Germanien von politischer Bedeutung. Er war nach dem Kaiser als der zweite Mann des Reiches.

Vor allem war er aber Haupt einer unglaublichen Familie. Die Schönborns regierten nach dem Dreißigjährigen Krieg über zahlreiche Territorien im Süden des Reiches und vereinten so einen Großteil der katholischen Reichsgebiete in einer Hand. Zwischen Wien und Trier herrschte in der Schönborn-Zeit der katholische Geist der Gegenreformation, allerdings nicht mit militärischen Mitteln, sondern mit Hilfe der Musen. Stein und Stuck sollten dafür sorgen, dass die Nachwelt die Fürsten von Schönborn in Erinnerung behielt. Die Fürsten aus dem Hause Schönborn waren allesamt besessen vom Bauen.

Die Barockzeit kannte dafür einen wunderbaren Begriff: den „bauwurmb“. Er fraß sich durch Hirne und Herzen des gesamten Geschlechts. Welch eine glückliche Zeit für Architekten, Stadtplaner, Künstler, Stukkateure, Freskanten, Kunstschmieden und Handwerker aller Art. Was wurde von den Schönborn nicht alles gebaut: Die Schlösser Gaibach (Bamberg), Weißenstein (Pommersfelden) und Favorite bei Mainz, die fürstbischöflichen Residenzen von Bamberg und Würzburg, die Kurmainzische Statthalterei in Erfurt, zahlreiche Klöster und unzählige Kirchen.

Die Schönbornschen Baulöwen, und allen voran der mächtigste unter ihnen, Lothar Franz, sorgten mit Architekten wie Balthasar Neumann, Maximilian von Welsch und Lukas von Hildebrandt aber auch für öffentliche Brunnen, Kanäle, Brücken und Straßen. Die Verwandlung der Welt, die Inszenierung von Schlössern, Straßen und Plätzen – dieses Leitmotiv der Barockzeit machten sich die Schönborns zu eigen. Der „bauwurmb“ war aber durchaus auch ein Plagegeist, wie die Zeitgenossen durchaus wussten, den es ist ein „teuffelsding“ mit dem Bauen, „dann wann man einmahl ahngefangen, darnach nicht aufhören kann“.

M. Hamann