Neuerwerbung mit Geschichte. Das Reliquiendiptychon aus der Sammlung Spitzer

Bild der 29. Woche - 17. Juli bis 23. Juli 2017

Reliquiendiptychon mit getriebenen, feuervergoldeten Silberreliefs, Frankreich, 14. Jahrhundert und spätere Veränderungen. Museum Schnütgen, Inv. G 693 als Dauerleihgabe der Ernst von Siemens Kunststiftung (Foto: RBA Köln)

Reliquiendiptychon mit getriebenen, feuervergoldeten Silberreliefs, Frankreich, 14. Jahrhundert und spätere Veränderungen. Museum Schnütgen, Inv. G 693 als Dauerleihgabe der Ernst von Siemens Kunststiftung (Foto: RBA Köln)

Als im November 2013 eine „Hochbedeutende Folge von zehn gotischen Relieftafeln“ zur Versteigerung angeboten wurde, war sogleich auch das Museum Schnütgen interessiert, denn derartige vergoldete Silbertreibarbeiten waren in der Sammlung nicht vorhanden. Die nähere Bestimmung im Auktionskatalog lautete: „Frankreich. Um 1410-20. Adaptiert in einem barocken Diptychon.“

Selten und ausdrucksstark

Die seit fast einem Jahrhundert in Privatbesitz der Öffentlichkeit entzogenen Reliefs sind nicht nur künstlerisch bedeutend, sondern auch besonders selten. Von dem, was sich in Frankreich an sakralen Goldschmiedearbeiten bis zur großen Revolution erhalten hatte, wurde ein großer Teil eingeschmolzen. Öffnet man den aufklappbaren Kasten, in dem die Reliefs montiert sind, entsteht eine zweiteilige Schautafel (Diptychon). Jeweils in der Mitte steht eine größere Darstellung der Kreuzigung und der Auferstehung Jesu. In markanten plastischen Formen heben sich ihre Figuren vor dem Hintergrund ab. Ausdrucksstark sind ihre Gesten: Maria unter dem Kreuz scheint weniger zu trauern, als hingebungsvoll den Gekreuzigten anzubeten, denn mit seinem Tod nimmt er hinweg die auf den Sündenfall von Adam und Eva zurückgehende Erbsünde der Welt und verheißt den Menschen das ewige Leben. Das kommt in dem Relief gegenüber zum Ausdruck, in dem Christus mit der Fahne des Sieges und einem kraftvollen Segensgestus dem Sarkophag entsteigt, vor dem die bewachenden Soldaten – in mittelalterlichen Rüstungen – in den Schlaf gesunken sind. Kleinere quadratische Reliefs in den Ecken zeigen die Symbole der vier Evangelisten Johannes, Matthäus, Markus und Lukas sowie die vier großen Propheten, Ezechiel, Daniel, Isaias und Jeremias. Ihre Anwesenheit bringt zum Ausdruck, dass sich mit den im Neuen Testament geschilderten Ereignissen die Prophezeiungen der Propheten des Alten Testaments erfüllt haben.

Kreuzsplitter und anderes

Die beiden mittleren Reliefs waren ursprünglich an Scharnieren klappbar. Unter ihnen sind zwei kleinere Täfelchen verborgen, welche in die großen Holztafeln des Kastens eingelassen sind. Ihre Rahmen sind mit rot bemaltem Leder überzogen. Die Tafel unter der Kreuzigung trägt in der Mitte ein Reliquienkreuz. Ein kleiner plastischer Kruzifixus darauf verschließt ein Fach für eine Kreuzreliquie, einen Splitter vom wahren Kreuz Christi. Das Täfelchen gegenüber trägt eine Hinterglasmalerei mit dem Bildnis des heiligen Gesichts Jesu. Es gibt ein als Gnadenbild verehrtes Tuchbild (Mandylion) wieder. Auch unter diesem Bild befanden sich vermutlich auf Christus bezogene Reliquien. Wie ein Wandelaltar mit klappbaren Flügeln bot auch dieses Andachtsobjekt zwei mögliche Öffnungen: die von Engelsfiguren in Vierpässen flankierten Darstellungen der biblischen Ereignisse von Kreuzigung und Auferstehung und die Versenkung in das Andenken von Reliquien, authentischen Erinnerungsstücken an das Passionsgeschehen, die im übrigen von Heiligenreliquien ergänzt und begleitet werden.

Die Sammlung Spitzer

Die Vermutung, dass es sich dabei um eine barocke Montage handelte, wurde durch den barocken Samteinband des Kastens nahegelegt, der mit feiner Seiden- und Metallstickerei geschmückt ist. Aber ganz sicher konnte man sich da nicht sein. Schließlich stammt das Objekt aus der Sammlung von Frédéric Spitzer (1815-1890). Spitzer war zugleich Sammler und einer der größten Kunsthändler seiner Zeit. Er kam aus Wien und ließ sich um 1860 in Paris nieder. Seine riesige Sammlung mit Kunstgegenständen aus dem Mittelalter und der Renaissance wurde drei Jahre nach seinem Tod versteigert. Etliche Stücke gelangten später in große Museen. Allerdings ist die Sammlung auch bekannt für Fälschungen und Pasticcios, die als Sammlungsobjekte aus verschiedenen älteren Teilen zusammengesetzt sind. Handelt es sich auch hier womöglich um eine Neukomposition des schillernden Sammlers? Für das Museum Schnütgen hatte sich diese Frage zunächst erledigt, denn auf der Auktion gelang es nicht, das Objekt zu erwerben.

Zwei Jahre später, 2015, tauchte es jedoch im Kunsthandel wieder auf. Nun war schnelles Handeln gefragt. Natürlich waren die Reliefs noch genauso begehrenswert wie zwei Jahre zuvor. Außerdem galt es, mit dem rahmenden Kasten auch ihre Geschichte zu konservieren, egal ob sie bis ins 17. Jahrhundert oder nur bis ins Paris des 19. Jahrhunderts zurückreichte. Bei diesem zweiten Versuch machte die Ernst von Siemens Kunststiftung den Ankauf in großzügiger Weise kurzfristig und unbürokratisch möglich. Auch zu diesem Zeitpunkt ging man noch von der Annahme aus, dass die Silberreliefs, die inzwischen allerdings fast ein Jahrhundert früher datiert wurden, ursprünglich als Schmuck für Buchdeckel gedacht waren.

Kriminologische Untersuchungen

Detaillierte technologische Untersuchungen führten jedoch zu einer ganz neuen Einschätzung der Geschichte des Objektes. So stellte sich heraus, dass die Scharniere an den beiden großen Reliefs zum originalen Bestand gehören. Damit entfiel die These einer Bestimmung für Buchdeckel. Entscheidend wurde dann die Beobachtung, dass im Entstehungsprozess der Silbertreibarbeiten auch Reststücke der äußeren Rahmung der großen Tafeln mit einem Bogenfries aus Silberblech verwendet wurden. Die Silberreliefs wurden also schon ursprünglich für das jetzige große Diptychon angefertigt. Radiocarbon-Untersuchungen gaben Hinweise für eine Datierung des Holzes der kleinen, in den großen Rahmen eingelassenen Tafeln ins 12.-13. Jahrhundert, der großen ins späte 13. Jahrhundert. Computertomographien der kleinen Tafeln zeigen unter der Oberfläche unsichtbare Reliquienfächer, die später durch andere Fächer mit Glas- und Bergkristallabdeckungen ersetzt wurden. Malereien der inneren Felder deuten auf eine Herkunft aus Corbie in Nordfrankreich hin.

Anders als zunächst vermutet, dürfte das große Diptychon mit den vergoldeten Silberreliefs demnach bereits im 14. Jahrhundert angefertigt worden sein, um für das darin eingebettete, noch ältere kleinere einen kostbaren Rahmen zu bilden. Vermutlich im 17. Jahrhundert kam es dann zu Veränderungen, besonders im Inneren der kleinen Tafeln, die noch viele offene Fragen in sich bergen.

Die Bedeutung Frankreichs für die gotische Kunst im Rheinland wurde im Museum Schnütgen bislang durch einige französische Skulpturen und Elfenbeinschnitzereien veranschaulicht. Sie treten nun in einen Dialog mit dieser einzigartigen, auch durch ihre Geschichte faszinierenden Goldschmiedearbeit.

Die aufwendigen Untersuchungen und die Präsentation der Neuerwerbung wurden ermöglicht durch die Unterstützung von Inge und Manfred Schubert und den Freundeskreis Museum Schnütgen.

M. Woelk