museenkoeln.de | Bild der Woche: Superleicht? Superstuhl!

Superleicht? Superstuhl!

Bild der 33. Woche - 14. August bis 20. August 2017

Giovanni Ponti (Entw.): Stuhl "Superleggera" (Herst.: Cassina, Mailand, Modell 69901), 1957, Eschenholz und Rohrgeflecht. Köln, Museum für Angewandte Kunst Köln, Inv.-Nr. A 1639 (Foto: © Rheinisches Bildarchiv Köln, Mennicken, Marion, 2011.02.14, rba_d027920_02)

 

Giovanni Ponti (Entw.): Stuhl "Superleggera" (Herst.: Cassina, Mailand, Modell 69901), 1957, Eschenholz und Rohrgeflecht. Köln, Museum für Angewandte Kunst Köln, Inv.-Nr. A 1639 (Foto: © Rheinisches Bildarchiv Köln, Mennicken, Marion, 2011.02.14, rba_d027920_02)

Das Credo in der gegenwärtigen Werbung zu diesem Stuhl, das seinem Designer Gio Ponti zugeschrieben wird, lautet: "je minimaler die Form, desto ausdrucksstärker wird sie". Dies lässt sich im häufig gegensätzlichen, zumindest aber ambivalenten Verständnis des Stuhls erkennen: Leicht und stabil. Modern und zugleich zeitlos. Handarbeit und Massenprodukt. Designobjekt und Alltagsgegenstand. Der Stuhl lässt offensichtlich viel Raum für Interpretation.

"Superleicht" ist dieses vor 60 Jahren entworfene Möbepstück mit seinen 1,7 Kilo in jedem Fall. Dabei war es Giovanni Ponti wichtig, den Stuhl dennoch extrem belastbar zu bauen. Aus Eschenholz, mit starken Verbindungsstücken, ist er trotz der Leichtigkeit stabil und beinah unzerstörbar. So heißt es, Ponti habe den Stuhl selbst aus dem vierten Stock geworfen. Beide haben es unversehrt überlebt.

Die klaren Linien, die einfache Struktur und die Praktikabilität machen ihn zum Paradebeispiel der Nachkriegszeit. zugleich erinnert der Stuhl an Ikonen in Architektur und Design der Moderne, wie an das Bauhaus oder die charakteristischen schwarzen Linien bei Charles Rennie Macintosh. Der weitgehende Verzicht auf Ornamente, die Möglichkeit industrieller Produktion, die Sparsamkeit beim Material sind für alle prägende Ideen. Dabei verweist der Stuhl durch diese Reduktion auf Beine, Lehne, Sitzfläche und Querstreben auf wenig mehr als auf sich selbst. Er ist – zeitlos – immer als Stuhl zu erkennen.

Hergestellt wird er von Hand, gedacht war er in den 1950er Jahren als ein dem steigenden Konsum und der Suche nach Neuem angemessenes Produkt. Die Arbeitsschritte können geteilt werden. Die Beine werden gesägt und gedrechselt, an einer anderen Stelle werden sie verleimt. Das Streichen ist wieder eine eigene Position, auch die Sitzfläche ein eigener Arbeitsschritt. Ehemals als Steigerung von Produktivität gedacht, führt der Prozess heute jedoch zu einer Wartezeit von bis zu 60 Tagen.

"Superleggera" wird als besonders alltagsfähig und schlicht bezeichnet und befindet sich doch im Museum für Angewandte Kunst Köln. Die Idee, in der Verbindung von Design und industrieller Fertigung den Stuhl bezahlbar zu machen und als Alltagsobjekt bestehen zu lassen, widerspricht zwar der Wertschätzung (und gegenwärtigen Preissetzung) des Stuhls, zugleich ist sie aber das schlagende Verkaufs- bzw. Ausstellungsargument.

Interessanterweise ist es gerade die Fokussierung auf die Funktion, der Verzicht auf Verzierungen, die die Ästhetik des Stuhls ausmachen. Was ihn also als Gebrauchsobjekt auszeichnet, wird Hauptgrund seiner Musealisierung. Als "Stuhl-Stuhl, ohne jegliche Adjektive" soll Ponti ihn selbst bezeichnet haben. In Kombination mit der zu Beginn zitierten Aussage ist dies die letzte und vielleicht treffendste Ambivalenzfeststellung in Bezug auf den Superleichten.

CB