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Sommerliche Blütenpracht

Bild der 24. Woche - 12. Juni bis 18. Juni 2017

Wu Shulan: Sommerliche Blütenkomposition, 1758. Hängerolle Tusche und Farben auf Seide, Qing-Dynastie, 1758, Inv. Nr. A 81 (Foto: RBA)

Die dekorative Blumen-und Vogelmalerei ist das seltene Beispiel eines Werks im Museum für Ostasiatische Kunst, das von einer namentlich überlieferten chinesischen Künstlerin stammt. Ihren Namen, Wu Shulan, den Entstehungsort und das -jahr verrät die Bildaufschrift oben rechts. Darüber hinaus gehende biographische Daten der Malerin sind nicht bekannt. Es war in China aber durchaus üblich, dass Frauen aus der kleinen Schicht der Gebildeten eine private künstlerische Ausbildung in den Bereichen Dichtung, Malerei und Kalligraphie erhielten. Seit dem 17. Jahrhundert stieg die Anzahl der gebildeten Frauen insgesamt an. Ihre Künste übten sie meistens, entsprechend der ihnen zugewiesenen Rolle, in ihrem privaten häuslichen Umfeld aus. Insbesondere in der stärker merkantil geprägten Region Jiangnan (Südost-China) waren Künstlerinnen aber auch in kommerziell ausgerichteten Familienwerkstätten professionell tätig.

Die dekorative Vogel- und Blumenmalerei ist ein Sujet, das häufig von Frauen ausgeführt wird und eng mit den weiblich konnotierten Textilkünsten verbunden ist. In unserem Bespiel stellt das auf edlem Seidengrund mit Tusche und Farben gemalte Hauptmotiv eine prächtige, voll erblühte Mohnstaude dar, deren Blüten in unterschiedlichen Farbtönen: Weiß, Lavendel, Rosé und Dunkelrot erstrahlen. Die verschiedenen Stadien von der geschlossenen Knospe über die leicht geöffnete bis hin zur voll entfalteten Mohnblüte, vermittelt den Eindruck einer Naturstudie. Möglicherweise hat Wu Shulan die Skizzen in ihrem Garten angefertigt. Sie bedient sich eines Malstils, der auf den Maler Yun Shouping (1633-1690) zurück geht und "knochenloser Malstil" (mogu) genannt wird, da er ohne Umrisslinien auskommt.

Erst auf den zweiten Blick lassen sich weitere Blumen im Schatten der Mohnstaude erkennen. Es handelt sich um äußerst filigran gezeichnete subtropische Tagblumen (Commelina), deren winzige blaue Blüten nur einen Tag überdauern: Die Pflanze bringt aber von Mai bis Oktober fortwährend neue Blüten hervor. Zusammen mit den flauschig gemalten Küken, die im Schutz der prächtigen Mohnpflanze nach Nahrung picken, können sie als Symbol für reiche Nachkommenschaft verstanden gelten.

In diesem Sinn lässt sich die sommerliche Blütenkomposition auch als Sinnbild für einen prächtigen und schutzgewährenden Familienverband verstehen, aus dem zahlreiche Nachkommen hervorgehen und gut gedeihen.

C. Stegmann-Rennert