Der Betrachter ist im Bilde

Bild der 20. Woche - 15. Mai bis 21. Mai 2017

Heinz Held: Im Rijksmuseum, Amsterdam, ohne Jahresangabe, Fotografie, (Foto: RBA), © Museum Ludwig, Köln

Diese Fotografie wirkt fast wie ein Spiegel unserer selbst: Wir betrachten eine Betrachterin, die etwas betrachtet. Der Eindruck wird dadurch verstärkt, dass die Person im Bild unsere eigene Position wiederholt. Es handelt sich um eine undatierte Aufnahme des Fotografen Heinz Held, dem sie im Amsterdamer Rijksmuseum gelungen ist. Die auf das Wesentliche konzentrierte Fotografie besticht durch die formale Wiederholung der Haltung beider Figuren, die Ähnlichkeit der Farbmischung in Bluse und Kragen, die jeweils dunklen Haare, die beiderseits auftaucheden Ringe an den Fingern. Unser Partner im Bild ist nicht die Museumsbesucherin, sondern die portraitierte Dame auf dem Gemälde. Sie blickt uns direkt an, während die Betrachterin zur Staffage wird.

Die Aufnahme ist zusammen mit einer kleinen Auswahl aus Helds reichem Oeuvre derzeit im Museum Ludwig zu bewundern. Das Museum Ludwig verwahrt eine hochkarätige Sammlung an Fotografien von den Anfängen im 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart; sie umfasst etwa 70.000 Werke. In einem eigens eingerichteten Fotoraum innerhalb der ständigen Sammlung macht das Museum Ludwig seit dem 24. März die Sammlung Fotografie in Ausschnitten und fortlaufend sichtbar. Damit ist ein fester Ort im Museum Ludwig geschaffen, der dauerhaft der Fotografie gewidmet ist.

Die erste Präsentation ist zwei Meistern gewidmet, die sich persönlich kannten: Der französische Fotograf Henri Cartier-Bresson (1908–2004) und der Kölner Fotograf Heinz Held (1918–1990) sind sich mehrfach begegnet: 1956, als Cartier-Bresson nach Köln reiste, wo seine Bilder auf der Messe photokina gezeigt wurden, arbeitete Heinz Held nicht nur mit an der Ausstellung, sondern fotografierte sie auch. Sie begegneten sich wohl auch im Haus von L. Fritz Gruber, dem Begründer und Leiter der photokina-Bilderschauen, einem gemeinsamen Freund. Worüber sie gesprochen haben, ist nicht überliefert. Aber beide hatten einen ähnlichen Ansatz: Mit einer kleinen Kamera, unauffällig flanierend und den Moment abwartend, wenn etwas Unerwartetes, Rührendes, Komisches im Bild zum Vorschein kommen konnte – meist unbemerkt von den Menschen, die fotografiert wurden.

Dieses Bild der Woche passt wunderbar zu unserem Museumsereignis der Woche. Am 21. Mai, dem Internationalen Museumstag, findet wieder das Kölner Museumsfest statt. Über 20 Museen und Institutionen zeigen in mehr als 170 Veranstaltungen den Reichtum der Kölner Museumslandschaft. Das Motto des diesjährigen Museumstages lautet: „Spurensuche“. Viele Tausende von jungen und älteren Gästen werden sich auf die Suche nach Spuren der Vergangenheit machen, und manch einer wird fasziniert vor dem Gemälde eines Alten Meisters verweilen, wie der Unbekannte auf Heinz Helds Werk.

M. Hamann