Himmelsdrama

Bild der 22. Woche - 29. Mai bis 4. Juni 2017

Marten Rijckaert (Antwerpen 1587-1631 Antwerpen): Landschaft mit dem Sturz des Ikarus, um 1620/30, Öl auf Holz, 51,5 x 88 cm, Inv.-Nr. Dep. 840 (Foto: RBA Köln)

Tief dringt das Auge ein in das weite Panorama einer Landschaft aus Feldern und Bergen, monumentalen Festungen und Hafenstädten. Auf der bis zum Horizont reichenden See tummeln sich kleine Segelboote, aber auch große Kriegs- und Handelsschiffe. Auf dem Land entdeckt man immerzu neue Figuren unter der strahlenden Sonne: Bauern und Stadtbewohner, einen Angler und einige Wanderer. Fast könnte man Ikarus und seinen Vater, die eigentlichen Hauptakteure, am Himmel übersehen.

Erschaffen hat dieses Gemälde der Antwerpener Meister Marten Rijckaert (auch: Ryckaert), wohl zwischen 1620 und 1631. Nur wenig ist über ihn bekannt. Als Sohn des David Rijckaert d.Ä. wurde Marten in eine Malerfamilie hineingeboren. 1611 trat er als „Marten Rijckaert, Maler mit einem Arm“ der Antwerpener Lukasgilde bei. Das Fehlen seines linken Armes wird durch ein Porträt, das Anthonis van Dyck von ihm malte (Prado, Madrid), bestätigt. Dieses Handicap stellt die Detailfreudigkeit und Genauigkeit seiner Malerei in ein noch erstaunlicheres Licht.

Im Rahmen der Sonderausstellung „Heiter bis wolkig - Naturschauspiele in der niederländischen Malerei“ im Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud (1.6. 2017 – 4.2. 2018) wird nun Rijckaerts Ikarussturz im Kontext der niederländischen Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts gezeigt. Zusammen mit zwei kleinen Kabinettbildern von Paul Bril sticht es als sogenannte „Weltlandschaft“ im Stil des 16. Jahrhunderts neben Landschaften von Meistern wie Aelbert Cuyp oder Jan van Goyen aus der Mitte des 17. Jahrhunderts besonders hervor. Vereinendes Merkmal aller ausgestellten Werke ist ein besonderer Himmelsblick. Während die Künstler des 17. Jahrhunderts, wie Jacob von Ruisdael, dafür bekannt sind, ihre Himmelspanoramen mit überraschend realistischen Wolken und Wettersituationen gefüllt zu haben, gab Rijckaert hierauf wenig Acht. Für ihn sind die stilisierten Wolken ein Mittel, um der dargestellten Szene eine kosmische Dramatik zu verleihen.

Aber was ist eine Weltlandschaft? Dieser Begriff umschreibt ein Novum in der Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts, das die Landschaften um ihrer selbst willen in den Mittelpunkt rückt. Der Name ergibt sich daraus, dass sie viele verschiedene Landschaftsmerkmale in eine Art Ideallandschaft zusammenfügt, die die ganze Welt repräsentieren soll: Städte, Gebirge, Burgen, Gewässer, Wälder und vieles mehr. Sie bietet einen ungewöhnlich hohen Betrachterstandpunkt, wodurch sie unsere Blicke weit in die Ferne ziehen kann. Typischerweise wurde, um räumliche Tiefe zu erzeugen, der Vordergrund gelb-bräunlich gemalt, der Mittelgrund grünlich und der Hintergrund bläulich. Was natürlich auch nicht fehlen durfte, war ein spannender Himmel. Dieser wurde mit dramatischen Wolkenformationen und im Falle des besprochenen Bildes mit einer sengenden Sonne gefüllt. Damit haben solche Landschaften eine „epische“ Qualität.

Eine Qualität, die auch die dramatische Geschichte von Ikarus besitzt. Die vielen verschiedenen Versionen des Mythos lassen sich ungefähr wie folgt zusammenfassen: Als Dädalus, als Strafe für seinen Mord an seinem Neffen Perdix, aus Athen verbannt wurde, trat er in den Dienst von König Minos von Kreta. Dort erfand er das Labyrinth, um den Minotaurus gefangen zu halten, eine Aufgabe, die er so geschickt löste, dass er selbst fast nicht mehr herausfand. Doch König Minos wollte nicht, dass Dädalus das Geheimnis des Ausweges verraten konnte und sperrte ihn daher zusammen mit seinem Sohn Ikarus auf einem hohen Turm ein. Der geniale Dädalus fand aber einen Fluchtweg: „Mag Länder und See er uns sperren“, sprach er [Dädalus], „der himmlische Raum bleibt uns frei. Dort wollen wir ziehen. Sei er auch von allem der Herr, Herr der Lüfte ist Minos nicht.“ (Ovid, Metamorphosen, VIII). Also stellte er aus Wachs und Federn Flügel für sich und Ikarus her. Noch bevor sie aufbrachen, warnte Dädalus seinen Sohn: „Fliege nicht zu tief, dann wird dich die Gischt des Meeres erwischen. Fliege jedoch auch nicht zu hoch, sonst wird die Sonne das Wachs deiner Flügel auflösen.“ Als sie jedoch in der Luft waren, überkam Ikarus der Hochmut. Immer höher stieg er hinauf in den Himmel. Als er aber der Sonne zu nahe kam, löste sich das Wachs, er fiel hinab ins Meer und ertrank. Moral der Geschichte: „... [wer] nicht will versinken in der elenden See, der muss (als guten Rat) in allem maßvoll sein“. Dieser Spruch ist in der Unterschrift eines Kupferstiches (um 1600, Amsterdam, Rijksmuseum), der den Ikarussturz darstellt, zu finden. Es ist bei weitem nicht der einzige Stich mit diesem Thema, was anzeigt, wie bekannt und beliebt die Geschichte damals war.

Es hat für einen heutigen Betrachter schon fast etwas Zynisches in dieser märchenhaften Landschaft die Tragödie von Ikarus dargestellt zu finden. Doch dies spiegelt den damaligen Zeitgeschmack wider. Ohne die moralische Strenge des Mittelalters, jedoch zum Zeichen humanistischer Bildung „verpackten“ die Maler biblische und mythologische Themen in wunderschöne Landschaften, mit denen man gerne die Wohnräume schmückte.

Die Landschaft mit Sturz des Ikarus ist eines der Hauptwerke von Marten Rijckaert. Es besticht durch sein Format, seine Farbpracht und seine Detailverliebtheit. Wir wissen leider über die genauen Entstehungsumstände dieses Gemäldes genauso wenig wie über Rijckaert und sein Gesamtwerk. Hoffentlich werden wir eines Tages einen vollständigeren Überblick über sein Schaffen erhalten. Einstweilen dürfen wir uns an seinem Ikarussturz als ein Juwel der späten flämischen Weltlandschaftsmalerei im Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud in Köln erfreuen.

G. von Kerssenbrock-Krosigk