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Das chinesische Drachenbootfest

Bild der 21. Woche - 22. Mai bis 28. Mai 2017

Qiu Ying (ca.1494-1552): Chinesisches Drachenbootfest, Tusche und leichte Farben auf Gold und Papier, 16,7x48 cm, Inv.-Nr. A 36,4 (Foto: RBA)

Was hat eine kleinformatige chinesische Fächermalerei der Ming-Zeit, auf der zwei Schönheiten über Wellen schweben, mit dem alljährlich im Frühsommer stattfindenden chinesischen Drachenbootfest zu tun? Am fünften Tag des fünften Mondmonats - dieses Jahr am 30.5. - werden neben den berühmten Wettrennen in Holzbooten, deren Bug und Heck die Form eines chinesischen Drachen nachahmen, unterschiedliche Bräuche gepflegt. Das Tragen von duftenden Medizinbeuteln, fünffarbigen Armbändern sowie das Anbringen von Arzneipflanzen wie Beifuß und Ackerwurz über der Eingangstür verweisen auf die ursprüngliche Bedeutung des Festtags: Im Altertum standen Rituale zur Abwehr von Krankheiten und Epidemien im Vordergrund.

Seit dem dritten Jahrhundert v. Chr. gedenkt man in China am fünften Tag des fünften Monats vor allem dem Tod des berühmten Dichters und Staatsmanns aus dem südlich gelegenen Kleinstaat Chu, Qu Yuan (ca. 340 v. Chr. - 278 v. Chr.). Er gilt als erster historisch fassbarer Dichter Chinas und als Verfasser der „Elegien von Chu“. Im Kapitel „Die neun Gesänge“ schildert er die Reise eines Schamanen zu den beiden Herrinnen des Xiang-Flusses. Diese stellen das Hauptmotiv der kleinformatigen Malerei auf dem Fächerblatts des berühmten Malers Qiu Ying (ca. 1494-1552) dar. Mit ganz feinem, fast kalligraphisch anmutendem Pinselduktus hat er die Wassergöttinnen mit wehenden Gewändern über den tosenden Wellen eines Gewässers schwebend, gezeichnet. Sie waren ehemals Sterbliche, vermählt mit dem mythischen Urkaisers Shun (3.Jahrt.v.Chr.), die sich aus Verzweiflung über dessen Tod durch Ertrinken selber in den Fluten des Xiang-Flusses ertränkt haben sollen.

Der Dichter Qu Yuan, der durch das jährlich stattfindende Drachenbootfest unsterblich geworden ist, teilt ihr tragisches Schicksal. Wie Viele vor und nach ihm wurde er aufgrund von Intrigen seiner Ämter enthoben und von seinem Heimatstaat Chu aus ins Exil verbannt. Als seine politischen Hoffnungen durch die Eroberung seines Heimatstaates vollends zunichte gemacht wurden, nahm er sich das Leben durch den Sturz in die Fluten des Miluo-Fluß. Auf der verzweifelten Suche nach Qu Yuan versuchten die Menschen damals vergeblich die Fische und Wassergeister des Flusses durch das Opfern von Klebereisbällchen und speziellem rotgefärbten Schnaps zu besänftigen und sie dazu zu bewegen, Qu Yuan wieder freizugeben. Seitdem ist es in China üblich, am fünften Tag des fünften Monats gefüllten Klebereis zu essen, der in pyramidenförmige Päckchen aus Bambusblättern serviert wird. Dazu trinkt man einen speziellen roten Schnaps.

C. Stegmann-Rennert