Von Markt bis Maritim

Bild der 17. Woche - 24. April bis 30. April 2017

Markt und Umgebung aus der Vogelschau, Fotografie, um 1938. Kölnisches Stadtmuseum (Foto: RBA Köln)

Köln, Hotel Maritim, Passage (Foto: RBA Köln)

Am Wochenende machte ein Kölner Gebäude bundesweit Schlagzeilen: das Maritim Hotel am Neumarkt. Der Parteitag, den die „Alternative für Deutschland“ dort veranstaltet hatte, hatte zu zahlreichen Protesten geführt. Karnevalsgesellschaften, das Bündnis „Köln stellt sich quer“, aber auch autonome Gruppen hatten teilweise mit vehementem Widerstand gegen die Veranstaltung protestiert. Wieder einmal war der Heumarkt Brennpunkt der Kölner Ereignisse, wie schon so oft in seiner Geschichte.

Das Maritim Hotel ist nicht irgendein Bau. Es erhebt sich an der Stelle der alten Hauptmarkthalle, der allerdings eine nur kurze Geschichte vergönnt war. Traditionell befanden sich die wichtigsten und größten Kölner Lebensmittelmärkte auf dem Alter Markt und auf dem Heumarkt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung rasant an, ohne dass allerdings mehr Platz zur Verfügung gestanden hätte. Ließen sich Märkte für den täglichen Bedarf noch innerhalb der Stadt verteilen, war das für den Großhandel, der hier ebenfalls seinen Standort hatte, nicht möglich. Täglich verstopften Bauernkarren die engen, mittelalterlich geprägten Altstadtstraßen. Hinzu kam ein neues Hygienebewusstsein, befördert durch Neuerungen wie Elektrizität und Kühltechnik.

Die Zustände auf dem Heumarkt, wo sich ein blühender Großhandel entwickelt hatte, waren unhaltbar geworden. Es fehlte an geeigneten Plätzen für die Lagerung der Güter und an geeigneten Zugängen. Ein Großmarkt an möglichst zentraler Stelle sollte die Aufgaben bündeln. Daher beschloss die Stadtverordnetenversammlung, den Bau einer zentralen Markthalle. Diese sollte der Nahversorgung dienen, aber ebenso für die Anbieter aus dem Umland und die Wiederverkäufer, die aus dem Kölner Einzugsbereich, ja selbst aus Aachen kamen. Man entschied sich für eine traditionell seit Jahrhunderten mit dem Handel verbundene Lage – nämlich am Heumarkt. Direkt am Rhein und neben der Schiffsbrücke, mithin auch für die Rechtsrheinischen gut erreichbar, und mit Gleisanschluss an die Köln-Bonner Eisenbahnen, die die Ware aus dem Vorgebirge in die Stadt brachten. Am 1. Dezember 1904 nahm die Halle den Betrieb auf. Sie bedeckte eine Fläche von 7500 m² du hatte unmittelbaren Bahnanschluss.

Im Keller befanden sich die Kühl- und Gefrierräume. Das Erdgeschoss wurde durch eine neun Meter breite Straße unterteilt. Der größte Teil der Fläche war dem Großhandel vorbehalten, es gab 41 feste Metzgerstände, 142 für Obst und Gemüse sowie sechs für lebende Fische. Im Erdgeschoss befand sich zudem ein 77 m² großer, mit Verkaufstischen versehener Stand für den städtischen Versteigerer sowie Kontore, die an Großhändler verpachtet waren. In einer Galerie waren zwölf Verkaufsstände für Wild und Geflügel untergebracht, in einer Ecke ein beheizbare Raum für lebendes Geflügel sowie eine Anliefermöglichkeit von heißem Wasser installiert. Der Hallenbetrieb begann im Sommer um 1:00 Uhr nachts im Winter um 4:00 Uhr und endete um 8:00 Uhr abends.Bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg entwickelt man erste Pläne zur Verlegung des Marktes, da der Platz für den Verkehr nicht mehr ausreicht. Ab Oktober 1903 begann daher der Bau einer neuen Markthalle am Bonntor, die am 1. November 1940 ihren Betrieb aufnahm. Die Kriegsereignisse verhinderten wohl ebenso wie die politischen Verhältnisse eine Diskussion über das Schicksal der Halle am Heumarkt. Das Gebäude wurde während des Zweiten Weltkrieges schwer beschädigt, die Ruine wurde nach Kriegsende abgebrochen und an ihrer Stelle ein Parkplatz planiert. 1988 entstand hier dann das riesige Maritim Hotel.

Dem waren Diskussionen über die zukünftige Nutzung des Areals vorausgegangen. Bis Mitte der 1980er Jahre wurden immer wieder neue Pläne, beispielsweise der Bau einer Konzerthalle, einer Eissporthalle, eines Hotels, eines Kongresszentrums oder einer Spielhalle. Im Dezember 1986 genehmigte der Rat schließlich den Verkauf des Grundstückes an die Maritim Hotelgesellschaft mbH. Die wichtigsten Auflagen der Stadt für das Bauvorhaben: Das Hotelgebäude sollte dem Heumarkt zu einer besseren stadträumlichen Geschlossenheit verhelfen und eine öffentlich zugängliche Verbindung zwischen Innenstadt und Rheinuferpromenade schaffen. In seiner Gestalt lehnt sich das Hotel mit Giebeln und grauer Tuffsteinfassade an die Architektur der Altstadt und der verschwundenen Markthalle an.

Zum Jahreswechsel 1988/ 89 wurde das Maritim eröffnet. Mit über 450 Zimmern, Luxussuiten, öffentlicher Tiefgarage, Schwimmbad, Veranstaltungs- und Konferenzräumen sowie mehreren Restaurants ist es bis heute das größte Hotel der Stadt. Der Forderung, einen öffentlich zugänglichen Raum zu schaffen, kamen die Architekten mit der Anlage einer gläsernen Halle zwischen den beiden Hoteltrakten nach. Restaurants, Bars und Ladengeschäfte säumen die Längsseiten der 100 m langen Passage, die den gesamten Platz bis zur Straße am Rheinufer erschließt. In einem am nördlichen Gebäudeteil angeschlossenen Rundbau befindet sich der Hauptveranstaltungssaal des Hauses, mit Platz für rund 1600 Personen.

Seinen öffentlichen Charakter hat der Bau am vergangenen Wochenende nicht unter Beweis stellen können. Stattdessen glich das Hotel eher einer belagerten Festung.

M. Hamann