Aus der Welt. Zum Tod von A. R. Penck

Bild der 18. Woche - 1. Mai bis 7. Mai 2017

A. R. Penck: Großes Weltbild, 1965, Öl auf Hartfaserplatte, 180 x 260 cm. Köln, Museum Ludwig, Inv.-Nr. ML 01432 (Foto RBA) © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

A. R. Penck ist tot. Diese Nachricht verbreitet sich gestern am 2. Mai wie ein Lauffeuer in den Medien, nachdem der Galerist des Malers, Bildhauers und Grafikers, Michael Werner, die Öffentlichkeit informiert hatte. Penck war mit 77 Jahren nach längerer Krankheit in Zürich verstorben.

Die Galerie Werner hatte Penck in den 1960er Jahren entdeckt und erstmals in der Bundesrepublik Deutschland ausgestellt. Penck, mit bürgerlichem Namen Ralf Winkler, wurde 1939 in Dresden geboren. In seiner Heimat, galt er aufgrund seiner Kompromisslosigkeit als Dissident, eine akademische Ausbildung blieb ihm verwehrt, und damit auch die Mitgliedschaft im Verband Bildender Künstler der DDR, und seine Probleme mit dem Ministerium für Staatssicherheit nahmen zu, insbesondere nachdem er 1975 den Will-Grohmann-Preis der Akademie der Künste in Westberlin verliehen bekommen hatte. 1980 wurde Penck, der in der Bundesrepublik bald als Vater der „Neuen Wilden“ gefeiert wurde, von der DDR-Regierung ausgebürgert. Wenige Monate später siedelte er nach Paris über und mietete sich im Künstlerviertel Montmartre ein. Spätere Stationen führten ihn nach London, an die Düsseldorfer Akademie und schließlich nach Dublin.

Pencks Bildsprache erinnert an Kalligraphie, Zeichensysteme, Höhlenmalereien. Nicht immer lassen sich seine Symbole entziffern, auch wenn der Künstler selbst seine archaisch wirkenden Erfindungen als Standart-Bilder bezeichnete, die leicht zu durchdringen sein. Das Personal, oftmals auf Strichmännchen reduziert, bekämpft sich zuweilen, zuweilen findet es zu Gruppen zusammen, die der gleichen Idee zu folgen scheinen. Eregierte Penisse, Totenköpfe und beißende Hunde gehören ebenso zum Repertoire wie einfache Zeichen, Pfeile und Begriffe.

Auch im „Großen Weltbild“ sind nicht alle Anspielungen verständlich. Gruppen von Strichmännchen bevölkern einen braunen Erdstreifen, vielleicht auch eine Art Barke. Sie disputieren und streiten, reichen sich die Hände und blicken aus dem eigenen Erdkreis hinaus ins All. Das helle Zentrum des Bildes scheint durch den dunklen Weltraum zu schweben, dessen Weite durch Sternenpunkte veranschaulicht wird. Wie wir das Bild zu verstehen haben, bleibt unklar. Auch die Inschriften, die sich auf der Rückseite der Leinwand finden, helfen nur bedingt weiter.

Dort steht folgender Text in drei Spalten, begleitet von Zeichnungen: „Ich bin in ihr gefangen kann ich herausgelangen? Wie Wege auch sich drängen, sie bleiben in ihr hängen konfuses Labyrinth das ich so trostlos find“ (links; darunter ein Strichmännchen und Vogel). „Die Welt seht wie sie hält seht wie sie zerfällt Geschichte des Gerichts blossen Gesichts sein und nichts Das Herz verbindet was ihr hier findet“. (Mitte; darunter Zeichnung Herz in einer Pupille) „Ich schwebe, wenn ich stehe ich stehe wenn ich schwebe mit Freude ich sehe der Welt Gewebe wenn Liebe zu ihr spricht ist neu ihr Angesicht“. (rechts; darunter Strichmännchenzeichnung).

Ein konfuses Labyrinth, aus dem der Maler nicht entrinnen kann, sondern gefangen ist, eine Welt die zwischen Zusammenhalt und Auseinanderbrechen innehält, das eigene Ich in einem Schwebezustand.

A. R. Penck hat diese Welt, die ihm selbst ein Rätsel war, am Dienstag verlassen.

M. Hamann