Von Mänteln und Martinsgänsen

Bild der 45. Woche - 7. November bis 13. November 2016

Hl. Martin zu Pferde mit Bettler, rheinländisch, 16. Jahrhundert; Elfenbein, Inv.-Nr. B 42 (Foto: RBA)

Am 11.11. beginnt nicht nur der Kölner Karneval, sondern das Datum erinnert im Heiligenkalender auch an eine Persönlichkeit der Spätantike, an Martin von Tours. Heute singt so manches Kind bei einem der vielen Laternenumzüge zu Sankt Martin: "Ich geh mit meiner Laterne ...". Worin besteht da eigentlich der Zusammenhang?

Martinus wurde um 316/17 in Savaria (Provinz Pannonien, heute Szombathely in Ungarn) als Sohn eines Militärtribuns geboren und ist in der väterlichen Heimatstadt Pavia aufgewachsen. Die herrschende Gesetzgebung Kaiser Diokletians sah für Martin als Sproß eines Offiziers die Militärlaufbahn vor. Die frühe Begegnung mit dem Christentum brachte ihn mehrfach in Gewissensnöte. Er sah sich nicht als "miles Caesari" (Soldat des Kaisers), sondern als "miles Christi" (Soldat Christi). Doch der Wunsch, den Dienst zu quittieren, wurde ihm verwehrt, und so konnte er seiner christlichen Berufung erst 356 nach Ableistung seiner 25-jährigen Dienstzeit im Alter von 40 Jahren nachgehen.

Einer seiner Garnisonsorte als Soldat in der Reiterei der Kaiserlichen Garde war Amiens in Nordgallien. Als Gardist trug er über dem Brustpanzer einen Mantel - eigentliche eine Chlamys, einen weißen Überwurf aus zwei Teilen, der im oberen Bereich mit Schaffell gefüttert war. Die christliche Ikonographie hat daraus oft einen roten Offiziersmantel (lat.: Paludamentum) gemacht. An Wintertag traf Martin vor dem Stadttor eine armen, unbekleideten Mann. In einem Akt der Barmherzigkeit teilte Martin seinen Mantel mit dem Schwert und gab eine Hälfte dem Armen.

In der folgenden Nacht, so besagt es die Vita des Heiligen, die sein Weggefährte Sulpicius Severus 395 verfasste, sei ihm im Traum Christus erschienen, bekleidet mit dem halben Mantel, den Martin dem Bettler gegeben hatte. Hierin manifestiert sich eine Stelle des Matthäusevageliums: „Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet … Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,35–40). Diese für die Martinslegende entscheidende Szene zeigt das Relief im Museum Schnütgen. Vornehm gekleidet, teilt der reitende Martin seinen Mantel und reicht ihn dem ärmlich gekleideten und verzagt wirkenden Bettler, der sich auf einen langen Stock stützt.

Martin handelte nicht nur nach christlichen Idealen, er war Christ. Seine Taufe erfolgte 351. Nach seiner Entlassung aus der römischen Armee lebte er zunächst als Einsiedler in Ligurien, zog 361 nach Gallien und gründete die Abtei Ligugé, das erste Kloster des Abendlandes und später die Abtei Marmoûtier an der Loire. Im unweit gelegenen Tours, bis zu seinem Tod Ort seines Wirkens, wurde er 372 Bischof. In seinem Bistum förderte er die Ausbreitung des Christentums wesentlich durch die Gründung von Pfarreien auf dem Land. Martin galt als caritativer und zugleich sehr bescheidener Mann. Eine der Martinslegenden besagt, dass er gar nicht zum Bischof geweiht werden wollte, da er sich als unwürdig empfand. Daher habe er sich in einem Gänseverschlag versteckt. Die aufgeregt schnatternden Gänse verrieten jedoch seine Anwesenheit, und er musste das Bischofsamt annehmen. Unter Umständen leitet sich daraus der Brauch ab, am Fest des Heiligen eine Martinsgans zuzubereiten.

Der 8.11.397 (?) gilt als Todestag des Martin. Er war jedoch auf einer Visitationsreise durch sein Bistum in Candes gestorben. Mönche brachten seinen Leichnam mit einem Lichterzug auf der Loire nach Tours, wo er drei Tage später beigesetzt wurde - daher der Gedenktag. Von dieser von Lichtern begleiteten Prozession rührt der Brauch der Laternenumzüge. Martin von Tours wurde nach seinem Tod einer der beliebtesten Heiligen des Mittelalters. König Chlodwig erklärte ihn zum Patron des merowingischen Herrschergeschlechtes, die Mantelreliquie ("cappa") gehörte zum Kronschatz der fränkischen Könige und reiste mit ihrem Hof von Aufenthaltsort zu Aufenthaltsort, als permanter Hinweis auf die Barmherzigkeit des Herrschers. Unzählige Kirchengemeinden in Frankreich haben ein Martinspatrozinium, ein Hinweis auf das hohe Alter des Kirchortes.

Im kommenden Jahr gedenkt die katholische Kirche des 1700. Todestages. Die evangelische Kirche feiert 2017 das 500. Jubiläum des Thesenanschlages von Martin Luther. Am 11.11. treffen sich die beiden Erinnerungsstränge. In evangelischen Gebieten verbindet sich der Martinsbrauch auch mit dem Gedenken an Martin Luther, der am 11. November getauft wurde und daher diesen Vornamen trug.

M. Hamann