Der Direktor als Fotograf

Bild der 47. Woche - 21. November bis 27. November 2016

Josef Boymann: Detail des Zweiten Mathildenkreuzes im Essener Domschatz, um 1927/1928 (Foto rba_028032)

Teil 2 der Serie zum 90-jährigen Jubiläum des Rheinischen Bildarchivs

Als der Kunsthistoriker Dr. Josef Boymann (1894-1966) im Mai 1926 seine Tätigkeit als erster Direktor des Rheinischen Bildarchivs aufnahm, fand er die Objekt- und Raumaufnahmen aus der im ersten Teil dieser Serie vorgestellten Jahrtausendausstellung als Grundstock der Sammlung vor. Schon 1927 übernahm das RBA das Fotoatelier des Kunstgewerbemuseums – heute Museum für Angewandte Kunst Köln – mit technischen Geräten und etwa 13.000 Negativplatten. Die fotografische Dokumentation architektonisch wichtiger Gebäude war zu diesem Zeitpunkt in Köln bereits 36 Jahre lang Praxis und wurde erst vom Historischen Museum und später vom Stadtkonservator durchgeführt.

Boymann war vor vor seiner Übersiedlung nach Köln Leiter der Photographischen Abteilung im Bildarchiv Foto Marburg gewesen. Im Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft (1/1924, S. 273ff.) veröffentlichte er einen Bericht, aus dem seine Auffassung zur Funktion der Fotografie im kunsthistorischen Kontext hervorgeht. Er hatte als Wissenschaftler den Anspruch, dass die Fotografie ein Ersatz für die Gegenstände selbst sein könne, um Vergleiche zwischen Objekten verschiedener Orte zu ermöglichen werden und dadurch kunsthistorische Beziehungen oder Verwandtschaften zwischen Kunstwerken erkennbarzu machen. Die technisch gute Ausführung, die Wahl des richtigen Standpunkts und das Wissen um Licht und Schatten waren für ihn Mittelzu diesem Zweck.

Josef Boymann erweiterte die Sammlung durch gezielte Fotokampagnen. Das RBA führte sowohl in den Kölner Museen als auch außerhalb Kölns, beispielsweise im Xantener Dom oder Essener Münster Fotokampagnen durch. In der Universitätsbibliothek Marburg ist die Korrespondenz zwischen Boymann und seinem ehemaligen Lehrer und früheren Vorgesetzten, dem Leiter des Bildarchiv Foto Marburg Richard Hamann, erhalten (Nachlass Richard Hamann, Ms. 1026 B Boymann). Die Briefe Hamanns an seinen Schüler zeigen, wie sehr er dessen Fotografien wert schätzte. Boymann wie auch Hamann standen nämlich persönlich hinter der Kamera. Bisher sind noch nicht alle seine Fotografien im Bestand des Rheinischen Bildarchivs identifiziert. Durch neue Recherchen für die Jubiläumsausstellung „90 Jahre Rheinisches Bildarchiv. Fotografien für Köln und die Welt“ im November 2016 konnte eine weitere Fotokampagne Boymanns nachgewiesen werden.

Richard Hamann erwähnt in seinem Brief vom 11. Mai 1929 zwei Aufnahmen, die Josef Boymann angefertigt hat. Es handelt sich um Aufnahmen der so genannten Mathildenkreuze im Essener Münsterschatz. Die eine, die hier als Bild der Woche präsentiert wird, zeigt den Mittelteil mit mit dem Gekreuzigten des um 973/982 im Rheinland entstandenen Vortragekreuzes von Herzog Otto und der Äbtissin Mathilde (rba_028032). Hamann äußert sich über die hohe fotografischen Qualität von Boymanns Arbeiten. Boymanns Aufnahme weist eine prägnante Beleuchtung von schräg von rechts vorne bei gleichzeitig hohem Detailreichtum auf, so dass beispielsweise die antiken Gemmen als solche klar erkennbar sind. Die Fotografie erfüllt die von Boymann postulierte Stellvertreterfunktion – es ist die Aufnahme eines „Kunsthistoriker-Fotografen“ mit dem Zweck, die Forschung zu unterstützen. Darüber hinaus ist es auch eine ästhetisch schöne Aufnahme.

Erst durch das Schreiben von Hamann konnten diese Glasnegativplatte und mit ihr die gesamte im Essener Münsterschatz entstandene Serie als eigenhändige Fotografien von Josef Boymann identifiziert werden. Das entsprechende Inventarbuch verrät – wie zu dieser Zeit üblich – keinerlei Angaben zum Fotografennamen. Durch Hamanns Brief kann zudem das Entstehungsdatum der Aufnahmen durch das Schreiben eingegrenzt werden auf einen Zeitraum zwischen 1926 und Frühjahr 1929.

J. Gummlich