Von Maler zu Maler

Bild der 38. Woche - 17. - 23. September 2012

Carlo Mense, Bildnis H. M. Davringhausen, 1922, Öl auf leinwand 86,5 x 59,5 cm, Köln, Museum Ludwig, ML 76/2777

Carlo Mense schuf in München dieses Bildnis des befreundeten Malers Heinrich Maria Davringhausen, der ihn Jahre zuvor ebenfalls porträtiert hatte. Der Formzertrümmerung der Vorkriegsavantgarden wurde von vielen Künstlern zu dieser Zeit eine neusachliche Figuration entgegengesetzt, die sich an den Traditionen altmeisterlicher Malerei orientierte. Während jedoch andere die Lebenswirklichkeit der von Inflation und Arbeitslosigkeit geprägten 1920er Jahre ins Bild setzten, malte Mense eine Vielzahl entrückt wirkender, idyllisch-religiöser Landschaftsszenen. Im Vergleich mit seinem sonstigen Œuvre stellt das vorliegende Gemälde daher eine Ausnahme dar. Es zeigt den in Hut und dunklen Mantel gekleideten Maler im angeschnittenen Halbporträt vor einer vorstädtischen, menschenleeren Straßenkulisse. Sein durchdringender Blick und die hochgezogenen Augenbrauen verraten Skepsis, aber auch leichte Überheblichkeit. Die elegante Erscheinung und der dandyhafte Habitus stehen im Kontrast zu den gesichtslosen, anonymen Mietshäusern im Hintergrund. Ähnlich wie die maskenhaft kühl modellierte Physiognomie auf prägnante Merkmale reduziert ist – markante Nase, kleiner, schmallippig-geschlossener Mund und weit geöffnete, mandelförmige Augen –, so ist auch die Darstellung der Fassaden stark schematisiert.. Fahles Gewitterlicht beleuchtet die Szenerie und teilt das kontraststarke Gemälde in grell erleuchtete und von Schlagschatten verdunkelte Partien. Durch die leichte Schrägstellung der seitlichen Fassadenkanten scheint das ziegelrote Haus im Hintergrund zu kippen, was dem Bild ein instabiles, bedrohliches Moment hinzufügt. Die perspektivisch inkorrekte, gedrängte Raumkonstruktion, das proportionale Ungleichgewicht, der hochgezogene Horizont und das Motiv der Leere zeigen deutliche Anklänge an die italienische Pittura metafisica, mit deren Protagonisten Mense nicht nur über die Zeitschrift Valori Plastici vertraut war, sondern 1922 auch gemeinsam in Mailand ausstellte. Wie auf vielen an diesem Stil orientierten Gemälden unterbleibt eine Integration der isolierten Figur in ihre Umgebung. Diese erweckt den Eindruck, als hätte man flache Kulissen ineinander geschoben oder als stünde der überdimensional Porträtierte vor dem Ausschnitt eines Gemäldes. Nicht nur auf der Straße, auch an den viel zu kleinen Fenstern zeigt sich niemand. Die nach hinten fluchtende, stark verschattete Häuserreihe ist auf bloße Farbflächen reduziert und weist keinerlei Öffnungen auf. Der einzelne Mensch und seine urbane Umgebung stehen sich trotz der räumlichen Nähe fremd gegenüber – in einer melancholischen Stadtlandschaft, in der das Krawattenmuster des Dargestellten den gemauerten Häuserfassaden ähnelt, die ihm zugleich Zuhause und Gefängnis sind.

A. Prinzing