Mit Grazie

Bild der 37. Woche - 10. - 16. September 2012

Aristide Maillol, Leda, um 1900, Bronze, 28,5 cm, Köln, Museum Ludwig, ML 76/SK 0063
Aristide Maillol, Leda, um 1900, Bronze, 28,5 cm, Köln, Museum Ludwig, ML 76/SK 0063

Kunstwerken liegt oft eine mythologische Erzählung zugrunde. Doch konzentriert sich der Künstler manchmal so auf einen Aspekt dieser Erzählung, dass sie kaum noch wiederzuerkennen ist. So verhält es sich mit Aristide Maillols Kleinplastik "Leda". Das erotische Motiv von Leda und dem Schwan kehrt in der Kunstgeschichte häufig wieder. Der Sage nach wird Leda von Zeus begehrt, der sie in Gestalt eines Schwans verführt und schwängert. Doch Maillol verzichtet ganz auf die Darstellung des Schwans und somit auf ein eindeutiges Narrativ. Die Beschäftigung mit der weiblichen Form steht im Mittelpunkt seines Werks: Als sitzender Akt, mit leicht nach vorne gebeugtem Oberkörper und gesenktem Kopf, hat Leda die linke Hand abwehrend erhoben; der einzige Hinweis auf den Mythos. Ihr Blick und ihre Hand deuten in jeweils einander entgegengesetzte Richtungen, was es unmöglich macht, die Figur aus einer Perspektive zu erfassen. Diese kompositorische Entscheidung macht Bewegung sichtbar, die jedoch zurückhaltend und nach innen gewandt wirkt, wie von einem unsichtbaren Kubus umhüllt und begrenzt. Maillols bildhauerische Sprache beachtet die ausgewogene Verteilung von Volumen und Massen. Ausladende Bewegungen vermeidet er bei der Konzeption seiner Skulpturen, deren Schwerpunkt immer in einer klaren Senkrechten liegt. Als Bewunderer antiker Kunst unterscheidet er zwischen einer „ruhenden Architektur“ und einer „Architektur der Bewegung“, zwei Aspekte, die er in seinen Plastiken, die wie Architekturen schrittweise aus Einzelteilen zu einem Ganzen zusammengesetzt werden, zu vereinen versucht. Seine Akte befassen sich nur mit sich selbst, sie wirken geschlossen und in sich ruhend, eingenistet in Rechteck, Dreieck oder Raute. Maillol lernte zuerst Malerei, bevor er sich der Bildhauerei zuwandte. 1895 kam er in Kontakt mit der Künstlergruppe der Nabis. Von deren Einfluss zeugen bereits seine ersten plastischen Arbeiten, Holzreliefs. Kurze Zeit später begann er, Skulpturen zu modellieren, sein Durchbruch war die erste Ausstellung seiner Arbeiten im Jahr 1902 bei dem Kunsthändler und Verleger Ambroise Vollard, der zu Beginn des Jahrhunderts Künstler wie Pablo Picasso, Henri Matisse, Paul Cézanne und viele andere um sich versammelte. Maillol schuf "Leda" um 1900 als Kleinplastiken aus Ton, die von Vollard als Bronzen herausgegeben wurde. Die Kategorie der Kleinplastik ist gewissermaßen für den Kunstmarkt geschaffen, da sie den Kunstliebhaber und Sammler voraussetzt. Für Maillol selbst war jedoch nicht die in Bronze gegossene Plastik das vollendete Werk, sondern aufgrund seiner Vorstellung von antiker Skulptur bereits das Modell in Gips. Er bevorzugte eine Farblosigkeit der Oberflächen und bestand später darauf, jede Skulptur, wenn sie zum ersten Mal ausgestellt wurde, als Gipsmodell zu zeigen. Pierre-Auguste Renoir, der ebenfalls bei Vollard verkehrte, malte um 1907 drei Gemälde mit dem Titel Étude d’une statuette de Maillol, die Studien der Plastik Sitzendes Mädchen sind. Das Neue seiner so klassisch anmutenden Skulptur wird besonders im Vergleich mit Rodins Werk deutlich, dessen Stil die Bildhauerei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dominiert. Maillol steht für die feste Körperbildung und die Negierung der malerischen Auflösung der Form. Aus dem Ideal, seine Figuren wie „vollendete Architektur“ wirken zu lassen, ergibt sich der Versuch, das Individuelle und Besondere zu vermeiden. Anders als Rodin vermeidet Maillol ausladende Gestik und expressive Mimik, da er der Auffassung ist, das Ganze sei wichtiger als das Detail: „Das Interessante ist nicht die Nachahmung der Natur, sondern die Vision des Künstlers.“ (Henry Frère: Gespräche mit Maillol. Aus dem Französischen von Hans Voss. Frankfurt/M. 1961, S. 118)

A. Brohm