Katze mit Biß

Bild der 36. Woche - 3. - 9. September 2012

Richard Seewald, Katze mit Salamander, 1933, Öl auf Leinwand, 95 x 115 cm, Köln, Museum Ludwig, ML 76/2809

Richard Seewalds malerisches Frühwerk "Katze mit Salamander" war vom Expressionismus der Brücke beeinflusst. Er sah sich stilistisch der „Ordnung des Absoluten“ verpflichtet, doch spielt er – gerade auch auf diesem Gemälde – mit Motiven des Surrealismus. Katze mit Salamander geht auf ein Erlebnis zurück, das der genaue Beobachter Seewald anschaulich beschrieben hat: „Da trat aus dem Dickicht der Halme eine schwarze Katze, ein riesiger Kater, ohne ein einziges lichteres Haar. Er trug quer in seinem Maul eine erbeutete grünblaue Smaragdeidechse. Dann sah er mich und erstarrte, wie ich erstarrt war. Auge in Auge standen wir so eine Weile. Seine gelben Augen waren ohne Blinzeln auf mich gerichtet.“ (Zit. nach Karl Ruhrberg, Hg.: Handbuch Museum Ludwig. Köln 1983, S.720). Aus dem Bild heraus fixieren diese gelben Augen nun den Betrachter. Die Katze schleicht geduckt auf den üppig gedeihenden Spitzwegerich zu, die Nackenhaare gesträubt. Ihre Umrisse leuchten in einem irisierenden Grün vor dem übergroßen Blätterwald auf. Eine Smaragdeidechse hängt schlaff aus ihrem Maul, während ein Feuersalamander panisch nach vorn flieht. Die Sekrete seiner Haut sind ebenso giftig wie der Schierling, der am oberen Bildrand blüht. Eine Gottesanbeterin, das Wappentier der Surrealisten, sitzt über der Katze auf einem Grashalm. Auch sie blickt den Beobachter an, auch sie ist ein Raubtier, zählt sie doch zu den Fangschrecken. Im Verhältnis zur Körpergröße der Katze gleicht die wuchernde Vegetation einem Urwald. Seewald selbst legt diesen Vergleich nahe: „Alle Katzen sind im Gras Tiger, die durch den Dschungel streifen.“ (ebd.) Mit Blick auf das Entstehungsjahr kann das Unheimliche und Bedrohliche des Bildes als ein Kommentar auf die neuen Machthaber nach 1933 gelesen werden. Sie setzten Seewald, der sich nach der Niederlegung seiner Professur an den Kölner Werkschulen ab 1931 dauerhaft im Tessin niedergelassen hatte, auf die Liste der „entarteten“ Künstler. Drei seiner Bilder im Wallraf-Richartz-Museum wurden beschlagnahmt. 1939 nahm Seewald die Schweizer Staatsbürgerschaft an. Er war nicht nur Maler, Grafiker und Illustrator, sondern vor allem Schriftsteller. Als solcher blieb er jedoch ein zutiefst visueller Mensch: „Wir denken in Bildern oder überhaupt nicht.“(Richard Seewald.85 Jahre. Bilder, Zeichnungen, Graphik,1912–1973. Ausst.- Kat. Galerie Wolfgang Ketterer München 1973, o.S.)

G. Spiekermann