Sensationeller Neuzugang für das Wallraf

Bild der 3. Woche - 17. bis 23. Januar 2011

Claude Monet, Frühlingsstimmung bei Vétheuil, Öl auf Leinwand, 60 x 100 cm, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Coboud, Köln, Inv. Nr. WRM 3620

Seit 1992 ist das Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud Eigentümer eines Gemäldes von Claude Monet, das dem Museum aus deutschem Privatbesitz unter Auflagen geschenkt wurde, die erst jetzt eine öffentliche Präsentation erlauben. Über die Vorbesitzer des Bildes ist leider wenig bekannt. Das Werkverzeichnis von Wildenstein erwähnt als ersten Käufer den Sammler Camescasse, der das Bild im Oktober 1880 erwarb. Es wurde dann mit der Sammlung Camescasse am 24. Mai 1899 bei Durand-Ruel versteigert und gelangte in den Besitz der Pariser Kunsthandlung Bernheim-Jeune. Weitere verlässliche Angaben fehlen. Das Gemälde entstand im Frühjahr 1880 und gibt eine Ansicht auf das Seinetal, gesehen von einer Anhöhe oberhalb des Dorfes Vétheuil. Im Hintergrund ist das Dorf La Roche-Guyon sichtbar. Der Aufbau des Gemäldes wird bestimmt durch das unvermittelte und räumlich gleichwertige Nebeneinander von Nah- und Fernsicht. Die rechte Bildhälfte zeigt in filigraner Malerei einen blühenden Pflaumenbaum, der frei auf einer sich im Vordergrund erstreckenden Wiese steht. Die Krone des Baumes ist formatfüllend ins Bild gesetzt. Die linke Bildhälfte zeigt den in einer Biegung gegebenen Flusslauf der Seine mit einer von Pappeln bestandenen, langgezogenen Insel, die durch einen Nebenarm des Flusses ihre uferseitige Begrenzung findet. Im Vordergrund des Bildes herrschen kräftige blau-violette Töne vor, die in schneller Pinselschrift auf die teilweise unbearbeitet stehen gelassene beige-grundierte Leinwand gesetzt sind. Im Hintergrund macht sich eine rosafarbene Tönung bemerkbar, die mit dem Blau des fernen Höhenzuges zu einem hellen, leichten Violett vermischt ist. Auch im Himmel herrscht dieser Ton vor, hier unterbrochen von einigen wenigen blauen und weißen Farbstreifen. Hierzu in Kontrast gesetzt ist das helle bis weißliche Grün der jungen Blätter und Blüten des Obstbaums. Kontrapunkt von Monets Malerei ist immer das Bemühen um die Darstellung des Atmosphärischen gewesen. Schon früh hat sich der Maler der Lösung dieses Problems zu nähern gesucht durch die mehrfache Darstellung eines Landschaftsausschnitts vom selben Standpunkt aus. Auch zu dem Kölner Bild hat sich im Musée des Beaux-Arts in Lyon ein Gegenstück erhalten (Claude Monet, „Le printemps“, Öl auf Leinwand, 60 x 79 cm, Lyon, Musée des Beaux-Arts, Inv. Nr. B – 646), das zwar ein etwas anderes Format aufweist und den linken Teil der Landschaft verkürzt wiedergibt, sonst aber genau denselben Standort und Blickwinkel festhält. Wenn sich aber in den Realia Unterschiede nicht feststellen lassen, so doch und sehr entschieden in der farblichen Anlage. Die Lyoneser Fassung zeigt den Obstbaum im Sonnenlicht und daher ist das ganze Bild in stärkerem Maß gelb getönt und wirkt insgesamt leuchtender. Der Himmel erscheint blau, durchsetzt mit einzelnen weiß-gelben Wolken. Es fehlt also der die Kölner Fassung überziehende rosa-violett-graue Farbschleier, der zusammenschließend wirkt und dieser Fassung einen zurückhaltend-gedämpften Ton verleiht. Monet lebte von August 1878 bis Dezember 1881 in Vétheuil. Das Städtchen selber und seine Umgebung boten ihm eine Vielzahl von Motiven. Besonders fasziniert war er von dem seltenen Naturereignis des im Winter 1879/80 stattfindenden Eisganges auf der Seine, den er in einer ganzen Reihe von Bildern festhielt, auch hier mit besonderer Rücksicht auf unterschiedliche Wetterstimmungen. Doch auch die liebliche Landschaft des Seinetals hat Monet von verschiedenen Standorten aus dargestellt. Die Fähre zwischen Vétheuil und dem auf dem anderen Seine-Ufer liegenden Lavacourt hat er benutzt, um die Stadt mit ihrer unvergleichlichen Lage am Fluss vom gegenüber liegenden Ufer aus darzustellen. Die Zeit in Vétheuil ist für Monets Biographie sehr entscheidend gewesen. 1879 stirbt dort seine Frau Camille und er findet wenig später in Alice Hoschedé eine zweite Lebensgefährtin, die er 1891 heiraten kann. Wirtschaftliche Not zwingt ihn, Anschluss an den offiziellen Kunstbetrieb zu suchen. Daher stellt er im Frühjahr 1880 erstmals im Salon aus und verweigert die Teilnahme an der 5. Gruppenausstellung der Impressionisten. Im Juli 1880 findet zudem seine erste Einzelausstellung in den Räumen der Zeitschrift „La vie moderne“ statt. Seine Ausstellungspolitik zeigt deutlich, dass er sich in diesen Jahren langsam von seinen Mitstreitern innerhalb der Gruppe der Impressionisten emanzipiert und das Eigenständige seiner künstlerischen Auffassung in stärkerem Maße berücksichtigt wissen will. Die Einzelausstellung seiner Werke fand erstmals auch in der Öffentlichkeit wohlwollende Aufmerksamkeit und besonders bei der jüngeren Generation von Malern und auch Kunstsammlern große Zustimmung. In diesem Jahr 1880 wurde also der Grund gelegt für seinen späteren Ruhm und damit für den außergewöhnlichen Einfluss, den Monet auf die Entwicklung nicht nur der Landschaftsmalerei bis weit in das 20. Jahrhundert hinein ausgeübt hat. Und gerade deshalb hat das nun in die Galerie-Hängung eingefügte Bild für die Sammlung des Hauses auch eine außerordentliche Bedeutung. Zudem ist es nun möglich, die wesentlichen Stationen dieses Malerlebens im Spiegel seiner Landschaftsmalerei zu dokumentieren, beginnend mit der durchaus noch topographische Interessen bezeugenden Ansicht von Asnières der Fondation Corboud von 1873 und endend mit dem in Giverny entstandenen großformatigen Seerosenbild von 1915/17.

G. Czymmek