Ein Blatt aus dem Stammbuch des Gerhard Pilgrum

Bild der 45. Woche - 8. bis 14. November 2010

Blatt 157 aus dem Stammbuch des Gerhard Pilgrum Einband Pergament, Papier, 18 cm x 13 cm Köln, Kölnisches Stadtmuseum, Inv.-Nr.: HM 1950/97; Sig. Bibl.: Auto 2

Der Kölner Patrizier Pilgrum (1528?-1593), mehrfacher Bürgermeister und Bannerherr der Fassbinderzunft, war als Hansekaufmann von den Niederlanden bis Süd- und Osteuropa geschäftlich tätig. Das erklärt vielleicht, warum sein Stammbuch neben Widmungen und Wappendarstellungen von möglichen Bekannten oder Weggefährten und - wie damals üblich - eingeklebten Kupferporträts bedeutender Persönlichkeiten, auch exotische Miniaturen von wilden Tieren, kanadischen Eskimos, sowie einem „picture of a captain in China“enthält. Außerdem auch die hier dargestellte Szene, die folgendermaßen überschrieben ist: „Celuy/i qui va donnant l’aumone aus chiens a Constantinople“, also derjenige, der den Hunden in Konstantinopel ein Almosen gibt. Bevor man sich über diese frühe Form von Tierliebe in der Hauptstadt des osmanischen Reichs in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts wundert, stellt sich die Frage nach Form und Funktion solcher Stamm- oder Freundschaftsbücher (auch liber oder album amicorum), wie sie auch genannt wurden. Die Sitte, sich mittels gegenseitiger Widmungen seiner Freundschaft zu versichern, entstand Mitte des 16. Jahrhunderts und war zunächst bei Adel und Studenten verbreitet. Letztere konnten während ihrer Studienaufenthalte an unterschiedlichen Universitäten ein soziales Netzwerk aufbauen, das ihnen später beim Berufseinstieg hilfreich sein konnte. (Eine Strategie, die die Neuzeit also nur ungerechtfertigt als ihre Erfindung reklamieren könnte.) Das Stammbuch des Gerhard Pilgrum enthält Einträge über den Zeitraum von 1579 – 1589, als er zwischen 50 und 60 Jahren alt, bereits erfolgreicher Handelsherr und in 2. Ehe mit Catharina von Lyskirchen verheiratet war. Es wäre denkbar, das für ihn die aufwendige Sammlung von Einträgen und kostbare Ausstattung mit teils vergoldeten Illuminationen, die – angesichts der hohen Qualität der Miniaturen – sicher von Auftragskünstlern und Wappenmalern erledigt wurden, eine Dokumentation seiner Lebensbezüge dargestellt haben könnte. Dazu passt auch die ausgewählte, in ihrem bildlichen Aufbau wohl komponierte Szene, die natürlich nicht als Abbild einer realen Situation zu verstehen ist: Weder handelt es sich um räudige Straßenhunde, noch den städtisch beauftragten Wohltäter, der die armen Kreaturen mit medium gebratenen Steakhappen verwöhnt. Die Hunde, zur Hälfte mit goldenen Halsbändern ausgestattet, spiegeln sich in der Komposition des Bildes. Je drei zur Linken und Rechten, die sich gleichen und eher als Rudel von Jagdhunden zu deuten sind, denen der treue Vasall des Sultans die freudig erwartete Futterbelohnung reicht. Dem gebildeten Publikum des 16. und 17. Jahrhunderts dürfte auch die emblematische Bedeutung der Hundespeisung als Dankbarkeit der Christen gegenüber ihrem Gott bekannt gewesen sein: „Drumb wie das Hündlein liebt sein Herrn/ Vnd jhm servirt willig und gern/ Mit Brosamen zufrieden ist: Solches thut auch ein jeder Christ. Vnd wenn er Kleid vnd Nahrung hat/ So danckt er Gott/hat alles satt.“ (aus: Arthur Henkel und Albrecht Schöne – Emblemata, Stuttgart 1967, Sp. 570.)

B. Alexander